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  Es war Sommer, Hochsommer, Hitze Wind und Trockenheit trieben mich und mein Rad aus den Tälern von Tiber und Arno über den Appenino Umbro Marchigiano ans Kühlung verheißende Meer. Fast menschenleer erschienen die Dörfer fernab der vom Kunsttourismus heimgesuchten Städte. Nur Alte und Sieche saßen vereinzelt auf den Bänken vor ihren Häuser und sahen verständnislos dem Fremden nach, der durch ihr Revier zog. Bei Pesaro erreichte ich das Adriatische Meer, trat über feinen Sand an seicht plätscherndes, Blasen aufwerfendes Gewässer, sah trügerischen Horizont, hinter dem ich das wußte, was einmal Jugoslawien war, erkannte das Trügerische des Friedens, der sich meinen Augen darbot. Spielende Kinder, die aufwachsen ohne den Haß zu verlernen, gegen alles Andere, Neue, Fremde. Die Hackordnung der Kindergärten, die Gleiches gegen Anderes vereint, Hautfarben, Sprachen, Religionen, Abnormalitäten aussondert, kann nur mühsam und schwach unterdrückt werden, auf dem Weg zum Erwachsen sein. Kleinste Anlässe genügen, um den Panzer sozialer, humanistischer Erziehung bersten zu lassen. Selbsterhaltung, der Trieb zur Erhaltung der eigenen Art, Urtrieb jedes Lebens, zerstört so viele andere. Wie der Sand, der durch meine Finger rann, so verrannen auf der anderen Seite dieses Meeres Leben. Die Sonne auf meinem Rücken verlor nach und nach an Intensität und ich erkannte, daß es Zeit wurde, nach einer Unterkunft zu sehen. Anders als in den Städten des Landes sah es am Meer aus. Hotel um Hotel, Pensionen, alle waren ausgebucht und so machte ich mich auf den Weg nach Norden, ohne das glitzernde Band der Küste zu verlassen. Endlich, schon nach Anbruch der Dunkelheit, in Cattolica, wer weiß, durch welchen Zufall, welches Schicksal des nicht erschienenen Gastes, fand ich ein Zimmer in einem kleinen Hotel. Müde vom Reisen suchte ich Erfrischung unter der Dusche und mit dem Staub der Straße fiel auch die Anspannung der Quartiersuche, all der neuen Eindrücke von mir ab. Nur kurz die Glieder streckend fiel ich in einen besinnungslosen Schlaf. Waren es Stunden oder nur Minuten? Ich erwachte hungrig, und mit neuen Kräften. Der Empfehlung einer dunkeläugigen Schönheit an der Rezeption folgend fand ich eine Trattoria mit der Möglichkeit an der lauen, frischen Luft zu speisen. Diverses Meeresgetier, als Früchte bezeichnet, entzückte meinen Gaumen und Vino frizzante brachte mich einer wachen Ohnmacht so nah, wie vorher der Schlaf ohne Besinnung war. Durch Körperschatten, Topfpflanzen und Geländer beobachtete ich die in Laternen und Scheinwerferlicht aufblitzenden sichtbaren Teile der Passanten welche scheinbar unermüdlich die Straße auf und ab flanierten. Wiederholungen fanden statt und mehr und mehr erregte mich das Bild eines weiblichen Torsos, nein, nur Unterleibes. Eine enge, Quergestreifte Trikothose, Radlerhose, faßte ihn ein. Streifen schwarz-weiß, gelb-schwarz, immer quer, wie der Leib einer Wespe, auch die Taille, wespengleich und kunstfaser-chitingleich glänzend, dort wo der Stachel zu vermuten wäre, modellierte sich der Schamhügel. Schweig Stachel! Kurzes Aufblitzen, Puls, Schweiß, höher, tiefer, mehr will ich sehen, doch es bleibt nur dieser bewußte Ausschnitt. Von Unruhe gepackt zahlte ich und reihte mich ein in die Masse der Flaneure, ging auf und ab, zielstrebig ohne Zielort. Die Bewegung ließ meinen Rausch abklingen, den des Kopfes und den des Blutes und überzeugt von der Sinnlosigkeit meines Wanderns ließ ich mich in einer Bar nieder um den Abend, wie so oft, mit einem Café und Digestivo ausklingen zu lassen.  Am anderen Ende des Tresens sind junge Leute in angeregter Unterhaltung. Langes braunes Haar fällt mir auf, ein markantes Profil, wache Augen mit schon ausgeprägten Lachfalten. Die meinen saugen sich fest, verfolgen jede Bewegung und dann blitzt dieses unverschämte Lachen zu mir herüber. Blitzt und trifft immer öfter. Die Umgebung versinkt im Halbdunkel, unsere Blicke werden zu Tunnelröhren durch rauchige Atmosphäre, schicken verschlüsselte, eindeutige Botschaften. Komm! Schwer gleite ich vom Hocker, bahne meinen Weg durch schwatzendes Volk, geleitet vom Leuchtfeuer ihrer Blicke wie ein Schiff durch stürmische See, umrunde den Tresen und stehe unvermittelt vor ihr. Noch wirkt der Zauber, doch können Worte das halten, was Schwingungen versprachen? Wieder ist Rollenverhalten gefragt. Ich muß charmant, intelligent, gesund, kräftig, reich erscheinen, werden, durch die Wahl meiner Worte. Welch unseliges Erwachen aus einem Traum? Kann ich nicht einfach meine Hand an ihre Wange legen, die Finger am Ohr vorbei um Ihren Kopf führen, sie zu mir ziehen, küssen, sich unseren Atem mischen lassen, unsere Zungen sich erkunden lassen, sprachlos? "Mi scusi, per favore, non parlo italiano, sono Tedesco. È  sola?" Wieder dieses Lächeln, ein verständliches "si" und schon sind wir in eine Unterhaltung vertieft von der keiner von uns mehr etwas versteht, Huldigung an die Konventionen. Nach und  nach beginnt auch die Frau um die Augen herum für mich Formen anzunehmen und diese halten was die Augen versprachen. Dort wo kaum noch Licht ist sehe ich eine quergestreifte Radlerhose, rot-grün, blau-grau, Farben kann man sich nicht merken, mit deutlichen Konturen. Stachel schweig. Sprach ich jemals italienisch?  Als dann um uns herum, auch für uns, in unserer Taucherglocke unübersehbar, die Stühle hochgestellt werden, entführt sie mich, den notorischen Nichttänzer, in die Disco. Salsa heißen die Umwege auf denen wir uns bewegen, es macht Spaß, treibt den Schweiß und ist doch nichts als Umweg. Als auch hier die Lichter verlöschen, draußen der Morgen dämmert bringe ich sie bis an die Ecke der Straße in der ihr Hotel ist. Mama, Schwestern, Brüder? Wir hatten uns verabredet, am Strand, am Nachmittag. Ich saß einsam, leicht fröstelnd im Sand, lauschte dem rhythmischen Plätschern der Wellen; als drüben, über Jugoslawien, sich der Wärme und Leben spendende Stern glutrot aufbaute, mit seinen Strahlen, elektromagnetischen Wellen einer Länge im sichtbaren Spektrum von 3,80-7,50 * 10-7 m und den etwas längeren, wärmenden, auch mich aus der Kälte meines Daseins erhob. Das alles geschah nicht, ohne daß mich auch die kürzeren Strahlen trafen, die, welche ungehindert durch die löchrige Schicht der Erdatmosphäre zu uns dringen, dafür sorgen, daß die Menschen "down under" selbst im Hemd noch ihren Sonnenbrand erfahren und somit die lebensspendende  Funktion dieses Himmelskörpers wieder in Frage stellen. So stellte sich  mir bei adriatischem Plätschern und aufgehender Sonne auch die Frage nach dem Sinn der in vorangegangener Nacht erlebten Reproduktionstriebe. Wohlige Wärme ließ mich einschlafen, am Strand, der sich nach und nach bevölkerte. Mütter, Kinder, Familien im wohlverdienten Urlaub. Eis hier und dort, Geschrei, Spiele und bei allem, vor allem die Spiele der Partnerfindung. Im hellen Licht des Tages sind alle untergründigen Möglichkeiten der nächtlichen Anonymität versagt. Ein jeder produziert sich so gut er kann. Frauen bieten ihre Reize dar, kokettieren, Männer zeigen Muskeln, Kraft und, wenn dieses nicht vorhanden, Geld. Ich suchte meine Wespe und erinnerte mich nur an quergestreifte Radlerhosen und lachende Augen. Ich fand sie nicht mehr an diesem Strand. Ich sah bare Busen, dachte an sexuelle Belästigung, sah wassersprühende Zerstäuber, die der gerösteten Haut kurze Kühlung verschafften, dachte an FCKW und die Folgen, sah die Produkte von Bodybuilding-Studios und dachte an Annabolika und Proteinmastfutter; aber diese Augen, die fand ich nicht mehr.





1540         Nach einer kurzen Nacht, einem verschlafenen Vormittag beschlossen wir, touristischen Pfaden zu folgen. Wir fuhren in die Boca. Ich wollte meiner neuen Lebensgefährtin ihre neue Heimat, Stadt, etwas näher bringen.   Schon etliche Male war ich dort, allein oder in Begleitung, ging durch die Straßen, blickte in Hinterhöfe. Ergötzte mich, mit und ohne Kamera an der pittoresken Farbigkeit von Bohemia und Elend. Grellbunte Wellblechfassaden wechseln sich mit Verblichenem, Bröckelndem ab. Schwaden von Kloakengestank entfleuchen dem Hafen, der nach reger Betriebsamkeit um die Jahrhundertwende heute eher einem Schiffsfriedhof ähnelt. Damals war die Boca die Wiege des Tango. Reges Treiben wie in jeder Hafenstadt belebte die Szene, Matrosen, Nutten, Geld und Gewalt. Bars und Tanzschuppen, alles ist heute auf eine knappe halbe Meile reduziert. Caballito, wo Maler und Tänzer vom ehemaligen Ruhm profitieren, Kitsch und Kunsthandwerk feilgeboten werden. Der Rest verschließt sich dem flüchtigen Besucher, Häuser, in denen sich achtköpfige Familien ein Zimmer von 25m² teilen, mit Kochgelegenheit, Bad und Klo im Innenhof, verfallene Stiege, Arbeitslosigkeit, Dreck und Hoffnungslosigkeit.   Vor einem guten Jahr zog durch dieses Viertel der große Hollywood Circus. Eine Straße mit dem berühmten Blick auf die alte, eiserne Hebebrücke wurde zur Kulisse für Allan Parker, seinen Star, Madonna, das Musicalspektakel " Evita ". Farbe wurde versprüht, brüchige Fassaden mit Bordüren aus Styropor verkleidet, moderne Betonhäuser am Horizont erhielten einen Tarnanstrich, hunderte von Kilowatt an Licht verwandelten die Realität in filmbare Kontraste. Vierzehn Tage lang wurde umgearbeitet, beherrschten LKW und Techniker der Filmgesellschaft das Bild, wurden Straßenzüge gesperrt, Buslinien umgeleitet, bis dann, eines Nachts der Eintritt Evitas in ihr unabhängiges Leben hier inszeniert wurde. Fall und Aufstieg ihren Lauf nahmen. Aus dieser geschminkten Gosse an die Macht, vom gefallenen Mädchen zur Göttin.   Traum eines jeden, der hier sein Dasein fristet, ein Traum, der nicht unwiederholbar ist. Kickte nicht hier, oder woanders, Diego Maradona als Knirps seine Blechbüchsen, um sich dann freizutreten, goldenen Fußes, der ihn zu Ruhm und Reichtum führte?   Wie viel; oder wie wenig bedarf es, um von der Schattenseite auf die Sonnenseite des Lebens zu wechseln? Oder aus sonnigen Gefilden in den Schatten einzutauchen?   Ich suchte die Straße, die einst Kulisse war, wir verließen das Taxi an der Hauptstraße und tauchten ein in dunkle Straßen, Wege, die kaum dunkler waren als  der Ausdruck der Gesichter, die uns begegneten. Nichts war mehr von der Neugier, der Belebung des Alltags, während meines kurzen Besuches zur Zeit der Vorbereitungen zu den Filmaufnahmen. Dumpf und gedrückt war die Stimmung. Schmutzig, zerlumpte Kinder spielten am Straßenrand im Abfall. Immer noch klebte das Styropor, bröselte, die Farben waren verwaschen, aufgelöst, die Häuser wirkten verfallener. Eine tote Katze im Mauerdurchbruch. Am Ende der Straße tat sich ein Platz auf. Licht in herbstlichem Laub, Aufatmen, fußballspielende Jugend am anderen Ende, Familien mit Kindern, das letzte, wärmende Licht einer schon tief stehenden Sonne genießend. Ein Bild von Samstagsnachmittagsfrieden.   Wir verweilten, luden die Kamera, Foto hier, Foto dort, verweilten vielleicht etwas zu lang, gingen über den Platz, um nach der nächsten Ecke unser eigentliches Ziel, Caballito anzusteuern, passierten drei Jugendliche, welche am Rande des Parks auf einer Bank saßen.   Einer stand auf. " Wie spät ist es?". Er kommt auf mich zu, deutet eindeutig auf sein linkes Handgelenk und wiederholt: " die Uhrzeit ". Ich schiebe meinen Ärmel hoch " 15.40 " und schon ist er da, mit begierigem Blick auf meiner Uhr, - ich weiß, was die Stunde geschlagen hat - , legt seine Hand auf meinen Arm, reißt mich herum, holt mit dem Kopf zum Schlag aus, doch verfehlt sein Ziel, meine Nase, ich senkte meinen Kopf, Stirn knallt auf Stirn, Blut spritzt, mein Blut. Erst jetzt erkenne ich, dass auch die zwei anderen sich herangemacht haben, vor und hinter mir sind, blicke in ein verdutztes Gesicht, kalkuliere meine Chancen der Gegenwehr, der eine, verloren, der andere?   Ich blicke in das schwarze Mündungsloch einer silbrig glänzenden Waffe. Alle Muskelanspannungen erschlaffen. Mein Denken erstarrt in einer Art Zeitlupe, geladen oder nicht, Attrappe, Spielzeug? Was kostet die Probe? Die Bewegung der auf mich zielenden Hand verrät Gewichtiges, rinnendes Blut gerinnt. Mit dümmlichem Gesicht, fast entschuldigend, zieht mir mein erster Kontrahent die Tasche Elizas von der Schulter. Dann der Ruf des anderen: " la Camera " und beide rennen mit der Tasche davon, Zeit und Puls werden wieder Eins, doch wo ist der Dritte? Ich drehe mich um. Eliza lief mit der Kamera in die schützende Nähe anderer Personen, ich erkenne eine Jagdszene, vergesse die Taschendiebe, beginne auch zu laufen, immer war ich schnell, doch, 10 – 15 Meter von vermeintlichem Schutz entfernt, wird sie eingeholt und ihr die Kamera entrissen, schnell, gewalttätig und ohne große Gegenwehr, meine Liebste ist gerettet, doch weit, zu weit entfernt, um an diesem Einen Rache zu üben. Ich rannte, mir entrang sich ein Schrei, "Soccoro", der erste Laut, der diese absolute Stille von zwitschernden Vögeln, fallendem Laub und fernem Spiel durchbrach, ohne sie zu stören. Keiner blickte auf, keiner reagierte, alle beobachteten, aus den Augenwinkeln, mit gesenktem oder abgewendetem Kopf. Zu weit entfernt waren sie und er entfloh in die entgegengesetzte Richtung.   Alles geschah in wenigen Sekunden.