1995 der Beginn von acht Jahren Leben und Arbeit in America Latina
Tango in Buenos Aires.
Schon in Deutschland zog ich sie mir rein, die Tangos,
gesungen von Roberto Goyeneche, begierig, das Lebensgefühl dieser Stadt am
anderen Ende der Welt zu erfahren. Die Texte über das alltägliche Leben, im
"Luz del Almacen", dem kleinen Laden an der Straßenecke, was war mit
den "Vecinos muertos"? Texte voller Schwermut, über Plätze und
Viertel der Stadt, mal glorifizierend, mal anklagend, mal träumend. Als ich
dann dort war, schlug mir ein anderer Rhythmus entgegen, der aller Großstädte,
Hektik, Rock, Tecno, MTV, Internationalismus.
Tango, nur eine Nostalgie, Reminiszenz vergangener Glorie,
die an einigen Orten gut zahlenden Touristen vorgeführt wird. Vor einschlägigen
Lokalen in San Telmo fahren nachts die Busse auf, ein unverzichtbarer
Programmpunkt.
Erst nach und nach fand ich sie, nachts durch die Straßen
wandernd, kleine Läden, geheimnisvolles Licht ausstrahlend, in dem sich dunkle
Gestalten bei einer Büchse Bier über Neuigkeiten und Politik unterhalten, dem
Fremden bedrohlich und anziehend zugleich erscheinend, die alte Nachbarin, die Abend
für Abend im selben Lokal, am selben Tisch, das Gleiche isst. Tangogefühl und
dann die bekannten Klänge, die neben den Fußballübertragungen aus den kleinen
Transistors der Porteros tönen, keine Unterbrechung beim Wechsel in ein Taxi,
Tangoradio. Tango erfährt in diesen Zeiten der Rezession eine Renaissance. Er
kehrt zurück aus den mondänen Ballsälen der alten Welt, in denen er in den
zwanziger Jahren Triumphe feierte, in die Stuben und Kneipen des argentinischen
Volkes. Seit September etabliert sich, neben dem Radio, im 65 kanaligen
Kabelnetz "Solo Tango". Täglich vierundzwanzig Stunden leben sie
wieder auf, Größen des Tangos Wie Astor Piazzolla, Roberto Goyeneche und Carlos
Gardel., das unerreichte Ideal. Am 24.6.1935 starb er bei einem
Flugzeugabsturz. Straßen wurden nach ihm benannt und Tausende huldigen ihm an
seinem Todestag, dem Tag des Tangos, auf dem Chacarita Friedhof, in Buenos
Aires, wo sein Grab zu finden ist.
Tot war er nie, der Tango, selbst als während der
Militärdiktatur etliche Texte, die den Machthabern als diffamierend, zu
pessimistisch, erschienen, verboten wurden. Etliche Tangueros gingen ins Exil,
unter ihnen der Bandoneonspieler Juan José Mosalino, der heute in Paris lebend,
einer der bedeutendsten Vertreter des neuen Tango in Europa ist. Neue Strömungen
erhielt der Tango vor allem durch Astor Piazzolla (1921-1992), der Verbindungen
zum Jazz und zur Klassik schuf. Eine Art moderner Kammermusik entstand.
Klassische Einflüsse brachte auch Atillo Stampone ein, Jazzverbindungen Dino
Saluzzi und die "Generation Zero" mit Rodolfo Mederos, Daniell
Binelli und Mosalini adaptierten In
strumente der Rockmusik. Das war nicht mehr Tango, das war
Musik aus Buenos Aires. Doch blieb der typische, unregelmäßig synkopierte 4/8
Takt.
Entstanden ist der Tango in den Hafenvierteln Buenos
Aires, der Boca und Doque Sur, um 1880, als Immigration eine Bevölkerungsexplosion
verursachte. Männerüberschuss ließ Prostitution und Vergnügungsestablisements
aufblühen. Wahrscheinlich aus der Candombe, einer 2/4 taktigen Tanzproßession
und der sentimentalen Melodik der Habanera aus Kuba entwickelte sich der
unverkennbare Rhythmus, nicht unbeeinflusst von italienischer Volklore. Die
Tanzfiguren, die Hände auf dem Körper des Partners und anrüchige Texte, galten
beim Bürgertum als obszön. Der Tango fristete sein Dasein in den Kaschemmen und
Bordellen der Hafenviertel. Erste Kompositionen, wie "El Queco" ( der
Puff, 1874 ) oder "Dama de lata" ( Tanzdame zum Mieten, 1888 ), geben
eindeutig Zeugnis. Nach ersten Instrumentierungen mit Geige, Flöte und Harfe,
übernahm dann das Bandoneon, 1840 vom Krefelder Heinrich Band erfunden, eine
führende Rolle. Erst die Erfolge in den Ballsälen von Paris und Berlin machten
den Tango auch in Buenos Aires salonfähig. Heute ist er allgegenwärtig,
modernisiert oder klassisch, in Radio, TV, auf den Straßen und in den Cafés.
Auf der Suche nach eigentlich etwas Anderem, in der
Cafeteria der Gandhi-Bücherei in der Avenida Corrientes stieß ich auf eine
seiner Urformen. Jeden Donnerstag ab 11.00 singt Luis Cardei, begleitet vom
Bandonisten Franco .Pablo, der Barmann, ein Fossil, gerade entschlüpft der
Hafenkneipe des späten 19. Jh., Gaucho, Gauner, Gigolo, mit zerfurchtem,
hagerem Gesicht, halblangem, pomadisiertem Grauhaar, klärt mich auf, “jeder Drink
während der Show 10 Pesos“. Neugier treibt mich in den Raum. Durch halbhohe
Trennwände schwingt der Geist meterhoch gestapelter Literatur herüber,
Bestseller, Nobelpreisträger, Wissenschaft. Nicht leicht finde ich einen Platz
in einer eingeschworenen Gemeinde. Dicht drängt man sich an kleinen Tischen um
den als Bühne freigehaltenen Platz. Dann erscheint er, kein Schönling, eine
Krankheit früher Jahre ließ ihn das entwickeln, was heute sein Kapital ist,
Oberkörper und Stimme. Er begrüßt sein Publikum, nein, nicht Publikum, seine
Freunde. Es ist mir klar, dass ich als Einziger das erste Mal hier bin. Nach
einem Bandoneonsolo beginnt er, singt, schluchzt, wimmert. Mit geschlossenen
Augen, schweißnasser Stirn, ganz Stimme, jedes Wort erleidend, freudig
erfahrend. Damen in meiner Nähe bewegen die Lippen zum Text, kennen jede
Passage und hier und da glaube ich eine Träne übers Makeup rollen zu sehen.
Frenetischer Applaus, Bravorufe, fordern immer neue Lieder. Spät in der Nacht
endet er, bewegt sich mühsam zu seinem Tisch in der Ecke und sinkt in sich
zusammen. Wie abwesend nimmt er Gratulationen entgegen, er hat alles gegeben,
uns das Leid anderer erfahren lassen und neue Hoffnung auf ein besseres Morgen
entfacht. Ein Zauberer.
Der Manú Nationalpark in Peru
Unsere Reise in die geheimnisvolle Welt des
Amazonasbeckens begann in Cuzco, der ehemaligen Hauptstadt des Inkareiches.
Allein eine Beschreibung ihrer präkolumbianischen Stätten sowie der
Kollonialbauten würde Bände füllen, doch
unser Ziel war es, die Tier und Pflanzenwelt des Regenwaldes zu erkunden,
eingeborenen " Curanderos" und "Shamanen" zu begegnen,
ihren Geschichten zu lauschen.
Durch die Attraktion moderner Pharmazeutik geht das von
Generation zu Generation, von Mund zu Mund überlieferte Wissen über die
Anwendung von medizinalen Pflanzen immer mehr verloren. Der Wald ist voll von
Gut und Böse, Gift und Gegengift. Ein Kraut, eine Blüte, die allein tötet, kann
zusammen mit einer anderen Pflanze genommen, heilen. Zweimal bitter kann süss
schmecken, Unverdauliches verdaut werden.
Östlich der Anden erstreckt sich über ein Gebiet von
nahezu 2.000.000 ha. der Manú Nationalpark, aufgeteilt in eine kultivierte,
eine nur dem
Ökotourismus zugängliche und, zu 2/3, eine nur Forschern
und ansässigen Nativen offene Zone. Eines der letzten Paradiese dieser Welt mit
einer enormen Artenvielfalt.
Mich begleiteten Erinnerungen an Bücher meiner Jugend,
vergiftete Pfeile, Blasrohre, Jaguare und Schlangen. Neugierig und voller
Spannung brachen wir Mitte Juni auf, gut ausgestattet mit Zelten, Moskitonetzen
und festem Schuhwerk, umsorgt von einem Führer und Koch des Reiseveranstalters.
Schon bald hinter Cuzco verließ der Kleinbus die
Asphaltstrasse, um auf eine schmale Piste abzubiegen, die uns schier endlos,
den steilen Flanken karg bewachsener Berge folgend in schwindeleregende Höhen führte.
Mit 4500 m wurde der Paß angekündigt den wir zu überqueren hatten. Farbenfroh
gekleidete Nachfahren der Inkas waren in
den Siedlungen zu sehen, webten ihre bunten Tücher oder schälten Kartoffeln.
Man sah sie, wenn nicht unser Bus alles in eine undurchsichtige Staubfahne hüllte.
Feinster Staub, der durch jede Ritze ins Fahrzeug drang und die in dieser dünnen
Luft ohnehin schon schwere Atmung zusätzlich behinderte.
Mit dem Sonnenaufgang des zweiten Tages brachen wir auf.
Die aufkommende Wärme genießend folgten wir der Piste hinab, ans Ziel unserer
Sehnsucht, Atalaya, Rio Madre de Dios. Durch den Bosque de las Nubes, den
Wolkenwald, immer tiefer kommend, wuchs innerhalb kürzester Zeit die Vegetation
zu überwältigender Dichte. Ziehende Wolkenfetzen, ewiges Tropfen, sinfonisches
Rauschen von Bächen und Flüssen. Bei all den Schattierungen von Grün, konnte
das Fehlen von direktem Sonnenlicht Blüten und Schmetterlinge nicht am farbigen
Leuchten hindern.
Den Wolkengürtel der Anden bezwingend erreichten wir bei
strahlendem Sonnenschein Atalaya, wo wir unsere Sachen auf ein Boot, das
Transportmittel der Region, umluden. Souverän steuerte Cäsar es durch ruhige
breite Gewässer sowie steinige, enge Stromschnellen, vorbei an den gefährlichen
Barrikadas, Anhäufungen von Baumriesen, die der Strom alljährlich zur Regenzeit
entwurzelt und mit sich reißt. Immer dann verändert er seinen Lauf, frisst neue
Wege in den Urwald, lässt alte, tote Flusskurven zurück, die Cochas, ruhige
Seen, die der Wald sich nach und nach zurückerobert. Diese sind unermessbar
reiche Biotope, ein Elysium für Biologen und Zoologen. Unser erster Besuch galt
der Ansiedlung Palotoa, weit oben am Palotoafluss. Da dieser zur Zeit nur wenig
Wasser führte, hieß es einige male aussteigen und das Boot über die Untiefen
schieben. Schweiß und wasserfeuchte Haut machte diese zum Tummelplatz ungezählter
Insekten, welche nicht nur unangenehm stechen, sondern auch überträger noch
unangenehmerer Krankheiten sein können. Es ist angebracht, seine Haut gegen den
Zugriff dieser Stecher zu schützen, durch Kleidung und Repelente. Eine natürliche
Form davon lernte ich in Palotoa kennen.
Hoch über dem Fluss und dem Dorfzentrum liegt die Ansiedlung
Vitalianos, eine Hand voll Hütten, umgeben von Yuca und Bananenplantagen.
Lehmig rutschige Pfade führten hinauf. Trotz der Trockenzeit ist immer wieder
mit Schauern zu rechnen. Mich befremdeten die unregelmäßig blauschwarz gefärbten
Gesichter und Körper, bis mich Vitaliano aufklärte, daß dieses eine Folge der
Behandlung mit Huito sei, Abwehr gegen stechendes Ungeziefer. Neugierig wie ich
bin, glaubend, daß erst eine mehrmalige Behandlung mit dem Saft der Frucht des
Huitobaumes diese dunkle Färbung bewirke, gab ich mich der Behandlung einer
seiner Töchter hin, welche mir genussvoll Gesicht und zugängliche Körperteile
einrieb. Klare, kühlende Flüssigkeit. Erst nach mehreren Stunden setzte die
Wirkung ein und hielt an, bis zur natürlichen Erneuerung der Oberhaut, also
fast 3 Wochen. Mein Gesicht sah ich glücklicherweise nie, doch die Reaktionen
der Leute, mit denen ich zusammenkam, sprachen Bände.
Mit anderen Geheimnissen kam Vitaliano nur zögernd
heraus. Der Saft des Drachenblutbaumes verschließt offene Wunden sofort, Una de
Gato, Katzenkralle, wirkt als Tee aufgebrüht fast gegen jede Krankheit, auch
krebsheilende Wirkung wird ihrem Extrakt zugesprochen.
Dann konnten wir auch einem Fischzug mit Barbasco
beiwohnen. Die Wurzel dieses Strauches wird zwischen zwei Steinen zerschlagen
und gibt so zermalmt ihre toxischen Säfte an das Wasser ab. Beißender Geruch
lag über dem Bachlauf, als nach und nach die Atmung der vorhandenen wenigen und
kleinen Fische nachließ, bis diese mit dem Bauch nach oben im Wasser trieben
und bequem eingesammelt werden konnten. Eine Tradition seit Generationen, mit
den selben Folgen wie die Tradition des Fischens mit Dynamit. Der Stamm muss
zum Fischen immer höher die Flüsse hinauf, da als erstes die Fischbrut zerstört
wird.
Wir folgten dem Fluss weiter hinab, wieder hinab. In
Diamante, kurz vor der Mündung des Rio Manú bewunderte ich einen Indio vom
Stamme der Piro, welcher geschickt aus Rohr, Bambus und Federn Pfeile
anfertigte. Auch das Fläschchen mit dem Schlangengift, mit dem er die über dem
Feuer gehärteten Pfeilspitzen impfte zeigte er mir. Auch wenn er eine hätte, würde
er keine Feuerwaffe verwenden, denn der Knall des Schusses würde alles in der
Umgebung verfügbare Wild verscheuchen. Lautlos jagend, sich diese oder jene
Beute aus einer Affenherde oder einem Vogelschwarm holen war seine Devise.
Aufwärts des Manú, an der Cocha Juarez, konnten wir in
der Manú-Lodge einige Tage zivilisierten Komforts genießen. Duschen und
Toilette lösten verschwiegene Plätze im Wald und Flussbäder ab.
Schon vor dem Frühstück machte sich lärmend eine Herde
von Kapuzineraffen
über die Reste der Küche her. Die Kommunikation
entfernter Brüllaffen ließ die Luft vibrieren, untermalt vom vielstimmigen
Gesang diverser Vogelarten. In den sich langsam hebenden Morgennebeln über der
Cocha besorgte sich ein Riesenotter sein Mahl, um es ungestört am anderen Ufer
einzunehmen. Der vermeintliche Baumstamm in den Wasserpflanzen am Ufer
öffnete träge ein Auge. Clothilde, eine Caimanin von gut
3 m. Länge, profitierte auch von den Küchenabfällen und, wie man sagte, sollte
sie sich schon mal an einem Touristen gütlich getan haben, der wahrscheinlich
bei einem Badeunfall umgekommen war.
Mysteriöse Geschichte, wie auch die einer Beinamputation
nach dem Biss einer Buschmaster, der einzigen aggressiven Schlangenart, die es
dort geben soll. Alle anderen flüchten, sobald sie die Vibrationen der Schritte
als Beutetier nicht geeigneter Geschöpfe erkennen. Ich bekam glücklicherweise
keines dieser Reptilien zu Gesicht, leider auch nicht die einzige hier jagende
Großkatze, den Jaguar.
Interessantes spielt sich besonders am Boden und dicht
unter der Krone des Waldes ab. Viele Arten von Käfern, Faltern und Ameisen bevölkern
die unteren Regionen. Interessant ist es die unermüdlichen
Blattschneiderameisen zu beobachten, auf ihren Straßen hin und herlaufend,
Fracht gleich großen grünen Segeln zum Bau transportieren.
Gedämpftes Licht, gedämpfte Stille und dann irgendwo
fallende Blätter, die den Blick nach oben ziehen, wo ein Spinnenaffe Nahrung
sucht, ein Faultier, der Bestimmung seines Namens folgend, am Aste hängt oder Vögel
ihren Standplatz wechselnd, schnell in undurchdringlichem Grün verschwinden.
Manche der Baumriesen muten wie gotische Kathedralen an. Aus gewundenem
Wurzelwerk, das Wannen, Nischen, Spitzbögen bildet, winden sie sich empor,
verzweigen ihre
Äste in alle Himmelsrichtungen, überragen den Rest des
Waldes oder sterben im Würgegriff schmarotzender Schlingpflanzen. Symbiose und
Lebenskampf. Es gibt eine Palmenart, die, wenn auch langsam, mit Wurzeln und
allem, dem Licht entgegenwandert. Einer der Baumriesen bei Manúlodge ist mit
einer Plattform ausgestattet, welche man, fast alpinistisch über einen
Flaschenzug erreichen kann. Besonders der Rundblick über endloses Grün bei
Sonnenuntergang ist ein unwiederbringliches Erlebnis, gefolgt vom Abseilen in
30 m. dunkle Tiefe.
Uns zog es weiter, den Fluss hinauf, in die verbotene
Zone. Nach einigen Verhandlungen und der Fürsprache von Forschern in Cocha
Cashu, gelangten wir bis Cocha Nueva, wo Sandoval, Oberhaupt und Curandero von
3 Familien, lebt. Trotz reichlicher Geschenke, Macheten für die Männer, Seife für
die Frauen sowie einigem Baren, konnten wir nur sehr eingeschränkt Einblick in
die Lebensweise der Machigenas gewinnen. Bei Ihnen herrscht trotz reger
missionarischer Tätigkeit der Vergangenheit Polygamie. Jeder der Männer hat 2
oder mehr Frauen, was, da die Frauen die Hauptarbeiten erledigen, absolut keine
Belastung darstellt.
In anderen Gemeinden, welche stärker dem Einfluss der
Missionare und deren Drängen zur Einehe unterlagen, so konnte ich hören,
entledigte man sich ehemals auf recht rohe Art der überzähligen Frauen. Eine
Nacht an einen in Symbiose mit Ameisen lebenden Baum gebunden überlebte keine
und keiner machte sich nach den neuen Gesetzen schuldig. Ein gottloses
Gottesurteil.
Ähnlich verfuhr man mit nicht mehr zu heilenden Kranken
und Alten. Sie wurden mit der Gabe einer grünen Bananenstaude in den Wald
getragen, ausgesetzt. Die Bitterstoffe und Gifte der unreifen Früchte
beschleunigten den Sterbeprozess. Traditionelle Sterbehilfe schon lang vor der
Missionierung.
Sandoval, der schlaue Fuchs, führte uns an der Nase
herum. Durch die Geschenke zwar verpflichtet, wich er immer wieder aus. Unser
Beobachten einer Ayuvasca-Zeremonie, bei der er unter Einfluss der
halluzinogenen Droge Geistheilungen vornehmen wollte, ließ er zweimal platzen.
Einmal stieß ein Hund den Topf mit dem Gebräu vom Feuer und in der nächsten
Nacht gab es überraschend viele Teilnehmer, so daß der Trank zu schwach war und
sich keine Wirkung zeigte.
Unser Zeitplan drängte, die Flussfahrten dauerten länger
als gedacht. Nach zwei weiteren Zeltübernachtungen, vorbei an Caimanen, deren
Augen nachts das Licht unserer suchenden Taschenlampen reflektierten, Schildkröten,
Papageien, durch Gewässer voll von Pyranhas und Caneros, kleinen Welsen, welche
bevorzugt in Körperöffnungen Badender eindringen, aus denen sie sich, dank
stachelig sich aufstellender Rückenflossen, nur schmerzhaft entfernen lassen,
erreichten wir endlich Boca Manú.
Ein Hauch von Zivilisation, Flaschenbier, Zigaretten und
am Abend zwischen 6.oo und 10.oo elektrisches Licht, Luxus und von dort gab es
zweimal wöchentlich Flüge nach Cuzco.
Diese Reise beschloss ich im besten Hotels Cuzcos, in der
besten Badewanne der Welt, bei ständig nachlaufendem Warmwasser, das nach und
nach die gelbliche Farbe des Flusses annahm.