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Jenseits der Alpen 1992

Was macht ein Mensch der beruflich viel mit dem Auto, der Bahn, dem Flugzeug unterwegs ist im Urlaub? Er setzt sich auf sein Fahrrad. Ist es nicht sinnvoll, mal mit eigener Muskelkraft Strecken zu bewältigen, welche sonst  dem motorisierten Verkehr vorbehalten sind? Man benötigt zwar mehr Zeit, doch langsam Reisen bedeutet auch  wertvoll Reisen. Die Erlebnisebene ist eine andere. Es findet Kommunikation mit Menschen und Tieren am Wege statt. Man ist dauernd im Disput mit sich selbst, lernt seinen Körper und seine Umwelt kennen. Ein Gefühl von Freiheit vermittelt sich. Es gibt keine Termine, keine Fahrpläne.   Am 12.Juli, dem Tag der geplanten Abfahrt hält das Nieselwetter der vergangenen Tage an.  Wohlwissend, daß es keine Garantie für trockene Reisetage gibt, schwinge ich mich in den Sattel. Es dauert keine zehn Minuten und zu den von aufgewirbelter Feuchtigkeit schon nassen Füßen gesellt sich ein regennasser Rücken Aber es geht ja in Richtung Süden und alles kann nur besser werden. Von Baden-Baden aus fahre ich auf der B3, einer vielbefahrenen Straße,  durch bekanntes Gelände über Offenburg, durch den Kaiserstuhl nach Efringen-Kirchen, meinem ersten Etappenziel. 160km. Gegenwind und Regen haben mich ganz schön geschafft, aber ein gutes  Essen und ein trockenes Bett lassen mich nicht lang mit dem Wetter hadern. Am nächsten morgen überrascht mich ein verblüffend hoher Himmel mit nur noch wenigen Wolken. Die Schlechtwetter-Phase scheint beendet zu sein. Nach einem kräftigen Frühstück geht es wieder in den Sattel und auf den ersten Kilometern ziehen Knochen und Muskelstränge ein schmerzliches Resümé des vergangenen Tages. Bald jedoch ist nur noch die Lust am Fahren  übrig. Schnell ist die kurze Strecke bis Weil am Rhein bewältigt und die Grenze zur Schweiz nach Basel überfahren. Hier zeigt sich der Meister im Kartenlesen. Flink gefahren und kurz geguckt schlage ich zwischen Riehen , Lörrach, Wyhlen so manchen Haken, um endlich bei Rheinfelden  den Fluß  zu überqueren und danach die schöne Strecke durch das Voralpenland entlang dem Buuserbach nach Gelterkirchen zu fahren wo ich auf die  B2 nach Luzern   einbiege. Sonne, kischenerntende Bauern, eine surrende Kette und vielzahniges Schaltwerk lassen mich die Fahrt genießen. Versunken in Gedanken ob rechts oder links am Vierwaldstätter See entlang weckt mich ein freundliches "Gruezi" und schon ist sie vorbei ,blond ,jung und aufreizend tief in den Rennlenker geschmiegt. Der Versuch mir den Anblick zu erhalten oder  mich gar zu nähern wird bei der nächsten Steigung mit Wiegetritt und einem kecken Blick über die Schulter quittiert. Rei-chen mir zur  Rehabilitierung 18Kg Gepäck und ein mehr an Jahren??   Neuer Absatz

Ich entscheide mich für den rechten Weg, den der bei Seelisberg endet, dort wo die Autobahn im langen Tunnel  verschwindet. Einige gute Steigungen beschließen den Tag. Im Hotel, dessen einziger Gast ich bin erfahre ich daß es doch einen Weg gäbe, nach Bauen, den zwar noch keiner mit dem Rad gefahren sei aber man könne es ja "stoßen". Da ich mir so die geruhsame Schiffspassage nach Brunnen erspare   beginne ich den 3ten Tag auf besagter Strecke. Es wun-dert mich nicht daß hier noch keiner fuhr, denn steil führt eine Treppe über ca 2Km und 500 Höhenmeter durch den Wald  hinab zum See.  Weniger als 20m vor mir kreuzen zwei Gemsen den Weg. Von Bauen geht es dann, endlich wieder im Sattel, flott in Richtung Gotthard. Eine letzte Rast an der Teufelsbrücke hinter Göschenen und dann hinauf zur Paßhöhe.Die letzten Tage waren ein gutes Training und machen sich jetzt bemerkbar. Nicht zu schnell aber beständig werden die 2109m erklommen. In dieser Höhe ist es immer noch kalt und die Abfahrt verlangt nach einer warmen Jacke. In Airolo dann ist der Süden erreicht und in Cadenazzo das Ende der 3ten Etappe. Mit einem längeren 10% Anstieg beginnt der Morgen. Parallel zur Autobahn erreiche ich über Lugano und Chiasso Italien, das Land der Zitronenblüte. Inmitten der Tristesse norditalienischer Industrielandschaft bahne ich meinen Weg, durch die Stadt welche die Welt lehrte was Dioxin ist, Seveso. Nichts erinnert. Dann Milano, Kopsteinpflaster, Straßen-bahnschienen, lauter Verkehr. Schildern, nicht Karte oder Kopf folgend gerate ich auf die Umgehungsautobahn, bis zur nächsten Ausfahrt mitgezogen von Luftwirbeln hautnah passierender LKW frage ich mich von dort zum richtigen Weg nach Piacenza durch. Entschädigend für die Unbill der  Metropole hält die Emilia-Romagna kleine, gewundene, schilfgesäumte Straßen für mich parat, sodaß ich mich nach 197km zufrieden dem abendlichen Treiben Piacenzas hingeben kann. 

Am Morgen nimmt mich der Rhythmus der Stadt gefangen  Vorbereitungen zum Öffnen der Läden, ein Schwätzchen da und dort, Espresso und Morgenzeitung, lautes hin und her aber keine Eile. Bella Italia. Spät verabschiede ich mich, folge dem Tal der Nure in den Appenino Ligure. Keine 15km außerhalb fallen mir, versteckt im Grün, kunstvoll gemauerte Gebäude auf.   Grazzano Visconti, kunstvoll in der Tat. Anlehnend an ein Schloß aus dem 14ten Jahrhundert baute um 1900 Giuseppe Visconti di Modrone das Dorf, bestehend aus einem Dutzend Häusern im Stil des 13ten und 14ten Jahrhunderts auf. Die Visconti Institution förderte den Kampf gegen die Malaria in den Regionen von Puglia sowie das regionale Kunsthandwerk das noch heute in Grazzano gepflegt wird. Nach diesem Abstecher in Kultur und Geschichte geht es weiter bergauf. Ein unbedeutender Pass, keine 1000m hoch aber mit einigen Steigungen über 15% bringt mich in das Tal der Arda. Die Straße gehört mir. Höchstens alle 15 min. begegne ich einem Fahrzeug. Die Dörfer wirken ausgestorben. Von der Arda an die Ceno , das gleiche Spiel, stehende Hitze und obwohl die Straße der höchste Punkt der Gegend zu sein scheint kein Ende der Steigung. Ein Waschhaus mit Brunnen gibt vor dem Paß wohlverdiente Erfrischung. Die Abfahrten sind schnell und kurvenreich, Straßenschäden strapazieren Rad und Lenker. Zu bald die nächste Steigung über Prato ins Val di Taro. Vor Erreichen der Höhe türmen sich Gewitterwolken hinter mir auf. Letzte Anstrengungen und dann fliege ich hinab, einem Regenschutz entgegen. Gewitter fliegen keine Serpentinen und so holen mich vor Borgo dicke Tropfen ein. Dort wird mir von geschützt unter´m Vordach Stehenden der Weg ins Albergo gewiesen. "Wer mit dem Rad reist wird auch nicht viel Geld fürs Hotel haben" höre ich noch, und entsprechend war die Unterkunft. Dem, der wie ich fleischlose Küche und guten Wein schätzt bietet Italien Trost in allen Lagen. So wurden in einer kleinen Trattoria die Mängel des Albergo wieder gutgemacht.  



Von Borgo aus den Bergen ans Meer. Bei Marina die Carrara ist dann die Rast Pflicht . Weißer Strand, blauer Himmel, Sonne, alle Urlaubsklisches sind vertreten. Auch lärmende Kinder, fettigbraune Schönheit die sich zeitlos ultra-violetter Strahlung widmet und der Eisverkäufer. Nach der zweiten Banane fliehe ich auf die Straße die mich glatt , breit und eben rückenwindbeflügelt weiter nach Süden treibt. Zwischen Viareggio und Pisa rufen die "Schönen der Straße" einen mörderischen Verkehr hervor. So mancher mehr oder weniger potentielle Kunde fährt das Stück der Strada auf und ab mit seinem Blick bei den Damen, die mal martialisch Ledergepanzert neben der Piste , mal feengleich in sonnendurchfluteten Lichtungen  des Waldes stehen oder sitzen. Es bedarf all meiner Konzentration, nicht vom Wege abzukommen. In Pisa dann der obligate Blick auf die Neigung des Turmes. Neben dem allgegen-wärtigen   Rummel  verblasst die Schönheit der Bauwerke der Piazza dei Miracoli  und wieder treibt es mich weiter. Voltera steht heute auf meiner Liste, schon im Herzen der Toskana und noch weit. Die Sonne neigt sich bereits dem Horizont zu als ich die Stadt auf ihrem Berge thronen sehe. Die bisher gefahrenen 200km waren nichts gegen diese letzten fünf, bis ich dann endlich vor dem Hotel vom Sattel gleite. Spät am Abend gerate ich in ein Fest. Die Via Nova feiert. Der Wein fließt aus einem 100ltr. Ballon, Knoblauch-Tomaten Sandwiches werden gereicht und die Band spielt Schrammeljazz. Da wo mir italienische Worte fehlen wird mit deutschen geantwortet und obwohl (wie sonst auch) nichts gesagt wurde, haben sich alle köstlich unterhalten.

Die   Geschichte  Volteras läßt sich bis in die Villa-nova-Zeit, ins 8-9.Jht.v. Chr. zurückverfolgen. Eine Kultivierung findet unter der griechischen Kolonisation statt und dank des Abbaues von Mineralien und dem Handel damit entwickelt sich die Stadt zu einem der wichtigsten etruskischen Lukomonien. Sie vergrößert sich so sehr, daß der Bau einer Stadtmauer nötig wird, deren Bau 400v.Chr. beendet wird. 90v.Chr. werden die Beziehungen zur italienischen Föderation durch die Zuerkennung der römischen Bürgerrechte besiegelt.  Die neue innere Stadtmauer stammt aus dem 13.Jht. Nach all den üblichen Prozessen der Christianisierung und des mittelalterlichen Feudalismus nahm die Kernstadt ihre heutige Form an. Dem interessierten Besucher bieten Museen und Baudenkmäler vielfache Schätze aus etruskischer, römischer und christlicher Zeit und wie schon vor fast 3.000 Jahren ist Voltera heute noch ein Zentrum der Alabasterkunst. Nach allen Himmelsrichtungen hat man durch enge Gassen einen weiten Blick in die umgebende Landschaft. Das Licht einer leicht verschleierten Sonne vermittelt ein gewisses Hochgefühl und nach all den Museen den Wunsch zu fliegen. Das Fahrrad steht bereit. Dieses Gefühl der Leichtigkeit hält den ganzen folgenden Tag an, nicht nur weil ich am Ziel bin, die hügelige Landschaft ist es. Ihr fehlt der Ernst der Alpen, die Kargheit des Appenin und die Monotonie der Ebene. Leichte Steigungen wechseln mit flotten Abfahrten. Der Blick schweift weit übers Land. Ackerflächen in verschiedenen Brauntönen, vom Pflug mit gewundenen Strukturen durchkämmt, wechseln sich ab mit wogenden Getreidefeldern und hell leuchtenden Sonnenblumenkulturen. Auf den Hügeln entdeckt man immer wieder einzelne Gehöfte zu denen kurvige Zypressenalleen führen. Die Zypresse ist der Baum der Toskana, im Gegenspiel zu den sanft gewellten Hügeln setzt sie himmelweisende Akzente, zeigt in das endlose Blau ohne der Sonne bedeutenden Schatten abzuringen.

Hier stoße ich auch erstmals auf Gleichgesinnte. Die Drei auf ihren Rennrädern, ohne Gepäck, die in Richtung Rom unterwegs sind und das Paar auf den Mountys mit Zelt und Allem. Wir fahren die gleiche Strecke doch unterschiedliche Geschwindigkeiten, was nicht verhindert, daß wir uns häufiger begegnen. Andere Pausen halt. Ich gönne mir einen längeren Aufenthalt in Sienna und bin auf dem Weg über Pienza nach Montepulchiano wieder der einsame Reiter. Von ferne bewacht der Monte Amiata, ein erloschener Vulkan, mit seinen 1738m die Gegend. Immer noch wirken  geothermische Kräfte und am Fuße des Berges brodelt so manche heiße Quelle. Hier ist der Mantel unserer Erde sehr dünn und mit der Möglichkeit von Erdbeben muß  man leben. Der Berg gibt und der Berg nimmt.  In Montepulchiano dann Kampf ums Hotelzimmer. Jährlich im Juli - August finden hier seit 1976 die "Cantiere Internationale d`Arte" statt.Das Besondere dieses Festivals ist die Einbindung der Bevölkerung insbesondere der Jugend in das Geschehen. Da einer der Initiatoren H.W.Henze ist wird neben der Klassik  zeitgenössische Musik stark gefördert. Künstler aus aller Herren Länder prägen während der Tage das Bild der Stadt die sich in ihrem Äußeren bis heute die charakteristischen Merkmale des Mittelalters bewahrt hat. Neben der E-Musik findet seit Neuestem ein noch kleines alternatives Jazzfestival statt und im Nachbardorf Monticchiello verwandelt sich seit Jahren die Piazza in eine Bühne wo das "Theatro die Poveri", die Bevölkerung selbst, ihre Geschichte spielt. Dralles, buntes Bauerntheater mit Attitüden zum Nachdenken.   Vier Tage bleibe ich, erkunde Tags in gepäckloser Leichtigkeit die Umgebung und gebe mich am Abend kulturellen, kulinarischen und sonstigen Genüssen hin. Mein nächstes Ziel ist Gubbio, das ich über Perugia und einen Abstecher nach Assisi erreiche. Auch diese Stadt steht im Zeichen eines Musikfestivals. Hier wird in alten umbrischen Mauern alles musikalisch denkbare zwischen Mozart und Cage geboten. Der vormittägliche Rundgang und das Programm laden zwar zu längerem Verweilen ein doch sind meine Pläne schon wieder nach Norden gerichtet. Ich fahre weiter an die Adria und lege in Milano Marittima einen völlig antikulturellen Strandtag ein.

Dann rufen mich Verona und die Alpen. Sonntagmorgen von Milano M. über Ravenna nach Ferrara zum Mittagessen und dann am Abend in Verona "Aida" . Ohne Planung und Buchung geht das leider nicht aber der Genuß dieser Darbietung in diesem Ambiente ist gewisse Einschränkungen der persönlichen Freiheit wert. Nach all diesen Genüssen für den Geist habe ich mir dann einige für den Korpus reserviert. Die Alpen stehen diesmal nicht als ein Berg, ein Paß vor mir sondern als Stilfser Joch ,Umbrail-, Ofen- und Flüela-pass. Von Verona geht es die Etsch aufwärts in gut 200km nach Naturns. Mit Befriedigung stelle ich fest, daß dieser Urlaub nicht nur gut für meinen Kopf war sondern auch meine körperliche Leistung  wachsen ließ. So mancher Radler hat hier das Glück seine Feierabend - Trainingsrunde im Windschatten eines ATB mit einigem Gepäck zu beginnen oder zu beenden. Anderntags beim Anstieg zum Stilfser Joch allerdings zählt dann jedes Gramm und neidlos lasse ich die Gruppe junger Radfahrer passieren die ich dann bei ihren Pausen am Coachwagen einige Male wieder einhole. Die dünne, klare Luft und die intensiven Farben der Gebirgsfauna zu genießen rechtfertigt jede Kurbelumdrehung. Auf der Paßhöhe, immerhin 2758m, läßt sich ein etwas herablassender Blick auf die zahlreichen Motorrad und Autotouristen nicht vermeiden. Abseits vom Trubel genieße ich meine Rast, das grandiose Panorama und sehe auch schon die Straße auf der ich hinabgleiten werde. Kurz hinter dem Umbrail werde ich jedoch um meine rauschende Abfahrt betrogen Die Straße nach Sta.Maria ist nicht ausgebaut und die Piste verlangt volle Konzentration und kräftige Bremsfinger. Zum Ausklang  meiner Reise erwartet mich wieder unbeständiges Wetter. Nach meinem Aufbruch von Sta.Maria und der Fahrt über den Ofenpass ist der Himmel nur leicht bedeckt, doch schon auf der Höhe des Flüelapasses treibt mich drohendes Gewittergrollen schnell weiter. Trotzdem werde ich naß, doch bei den im Tal der Landquart vorherrschenden sommerlichen Temperaturen ist diese Nässe bald verdampft. Der Rest der Reise ist geprägt vom der Ahnung des nahen Endes. Etwas zäh reihen  sich die Kilometer aneinander, der Schwung des Neuen, des Entdeckens fehlt und so bleibt mir nur, leistungsmäßig noch eines draufzusetzen. Sicher ist es in Lichtenstein schön, wie auch am Bodensee und am Rheinfall. Vielbefahrene Radwanderwege meide ich, zu viele "Wanderer" hemmen meinen Vortrieb und schaffen nur Verdruß . Den letzten Tag beschließe ich in der Dämmerung mit satten 241km dort, wo ich auch startete, vor meiner Haustür. Schön war es, und schon läuft die ganz spontane Planung für die nächste Tour.  

TUNESIEN 1993         


Über meine diesjährige Alpenüberquerung in Richtung Süden wäre es besser, den Mantel des Schweigens zu hüllen. Tiefdruckgebiete mit Kälte, Wind und Regen lassen auch die Stimmung in der Depression. Zähigkeit und Leistungswille sind gefragt, denn feuchtes Gepäck und ewiges hin und her zwischen Schweiß und Regennässe,  sowie zu gefühllosen Klumpen abgestorbene Füße, machen die Kombination aus Grimsel und Nufenenpass nicht leicht.



Hinab ins Tessin und am Lago Maggiore entlang fahre ich dann euphorische 180Km, habe meinen Zeitplan nahezu übertroffen und noch ganze zwei Tage für restliche 200Km bis Genua, von wo aus ich die Fähre nach Tunis gebucht habe. Vor dem Beginn der Seereise bleibt also noch reichlich Muße, Küche und Ambiente der Hafenstadt zu genießen. Vor der verspäteten Abfahrt zieht jedoch noch ein Gewitter auf, Stahlroß und Reiter werden nochmals kräftig eingeweicht und selbst das Ablegen des Schiffes wird noch mit Blitz und Donner untermalt. Eine ruhige Überfahrt lässt nach und nach das gewisse Ziehen in den Oberschenkeln verschwinden, Reisebekanntschaften schließen und die entspannte Stimmung einer Seereise genießen. Auch Schlangestehen für erste Stempel im Reisepass ist nötig. Nachts in La Goulette angekommen, muss das Dokument noch etliche Male gezückt werden, bis dann endlich, der Radfahrer als erster natürlich, das Hafentor passiert werden kann und afrikanischer Boden unter die Pneus genommen wird. Auf den zehn Km Autobahn bis zum Hotel in Tunis City lerne ich die installierte Beleuchtungsanlage schätzen. Ein Tag in Tunis und bei all meinem Glück ist Feiertag, der Geburtstag des Propheten. Das emsige Treiben in den Suks ist verstummt, nur hier und da treibt einer einsam seine Zieselierungen ins Messing. Ein besonderer Reiz, leere Suks am hellen Tage.



Für mich wird es der längst fällige Waschtag. Der Aufbruch am folgenden Tage verzögert sich naturgemäß durch all das, was am Feiertag nicht erledigt werden konnte. Einen Teil des Gepäcks, den für kalte Tage, deponiere ich im Hotel und so wird es dann fast 10.Uhr bis ich meinen Weg aus dem Straßengewirr von Tunis in Richtung Mateur suche. Die erste Bordsteinkante signalisiert, dass mein Vorderreifen Luft benötigt. Nach fast drei Tagen Herumstehens nicht verwunderlich. Durch fruchtbares Gelände    geht es  weiter. Getreide, Wein und Gemüse, wie Tomaten und Peperoni werden hier angebaut. Landschaft und Herrenhäuser erinnern an europäische, mediterrane Gegenden. Die Generationen französischen Einflusses sind nicht nur in der Zweitsprache zu spüren. Eine lange Mittagssiesta erscheint bei den vorherrschenden Temperaturen angebracht, verzögert aber die Ankunft in Tabarka bis weit in den Abend hinein und wieder ist Licht nötig. Auch verliert der Reifen nicht mehr schleichend, sondern geschwind seinen Druck und da das Ziel nah ist, Dunkelheit überall, bleibt nur häufiges Pumpen. Nach 20.00 Uhr ist endlich Tabarka erreicht und ein Hotel bezogen.



Die Berge  um Tabarka sind reich mit Korkeichen bewachsen und so nimmt auch die korkverarbeitende Industrie eine wesentliche Stellung in dieser noch wenig vom Tourismus berührten Stadt ein.



In kunsthandwerklichen Kooperativen werden Keramiken und Teppiche nach traditionellen  Mustern und unter Verwendung von Naturfarben gefertigt. Eine Kommission wacht über die Einhaltung der Vorlagentreue und handwerklichen Qualität der Produkte.




Nach dem Mittag beginne ich die Fahrt nach Jendouba, schweißtreibend bergauf durch endlose, doch schattenspendende Korkeichenwälder, entkomme Knaben, die mit aller Kraft ihr Pfund Pistazien an den Mann bringen müssen, bewundere Holzschnitzer, die Eichen in Kamele oder andere Tiere verwandeln und muss immer wieder an die Mädchen denken, die für drei Dinar Tageslohn Knoten nach Knoten nach alten Mustern knüpfen, bis irgendwann die Augen ermüden und der Nachwuchs seine Chance hat.   Ain Draham, ein beliebter Luftkurort in 800m Höhe beschließt die Steigung und hinab geht es in plötzlich wechselnde Landschaft. Abgeerntete hügelige Getreidefelder bestimmen das Bild und das Gelb lässt Ahnungen der bevorstehenden Wüste aufkommen. Kurz vor Jendouba bietet sich der Besuch Bulla Regias, einer römischen Ruinenstätte an. Besonders sehenswert sind hier reiche Mosaiken in den Resten von Privatvillen und unterirdischen Tempelanlagen.   Jenduba bietet das geschäftige Treiben einer Handelsstadt, alles lebt vom und ums Getreide, das hier vermarktet wird. Der Weg in ein volkstümliches Restaurant scheitert, da in dem einzigen das mir empfohlen wurde Pizzatag ist. So finde ich mich nach meinem Stadtrundgang im Hotel wieder, kämpfe mich durch eine Halle voller biertrinkender Männer und setze mich als einer von drei Gästen ins Hotelrestaurant. So sparsam wie der Andrang von Gästen ist, so wird auch bedient. Irgendwann ist dann auch meinen fleischlosen Wünschen Genüge getan und ein gutes Fläschchen tunesischen Weines versöhnt mich mit der Atmosphäre der kühlheißen Bahnhofshalle. Bei so viel Herzlichkeit und im Angesicht der Rolle Klopapier auf dem Treteimer in der Dusche setze ich mein nächstes Ziel in ca. 200 Km an.



Kasserine heißt es. Aus den Regionen der Korkeichen durch das Land des Getreides in die Gegend, wo die Kaktusfeige herrscht. Stacheliges säumt den Weg, wird tonnenweise auf Pick-up's hin-und her-transportiert und körbeweise neben der Straße zum Kauf angeboten. Schmerzliche Erfahrung aus jüngeren Jahren lässt mich den Umgang mit dieser Frucht jedoch meiden. Aufziehende Bewölkung dämpft die gleißenden Strahlen der Sonne. Blitze zucken von Wolke zu Wolke, beschreiben Kreise und andere Figuren. Kurz vor dem auserkorenen Ziel, schon wieder in Dunkelheit, wird die Straße feucht, verwandelt sich in eine Wasserstraße, Nässe, Schlamm und Kies bedecken Radler und Gepäck als endlich ein Hotel erreicht wird. Auch hier sprechen Männer dem vom Propheten geschmähten Alkohol reichlich zu und dieses Bild steht in starkem Kontrast zu dem des LKW-Fahrers, der neben seinem Gefährt, mit laufendem Motor, zur vorgeschriebenen Stunde, im Straßenstaub sein Gebet verrichtet.



Kontraste bestimmen auch meine Reise und so wird die nächste Etappe kürzer. Gafsa ist das Ziel und ich versäume nicht, das in der Nähe von Kasserine an der Straße gelegene antike Ruinenfeld Chillium zu besuchen. Mit dem Rad ist es schnell erschlossen. Wieder auf der Straße fällt auf, dass die Natur der transportierten Früchte sich ändert. Datteln laufen den Kaktusfeigen den Rang ab. Der Wege führt bei unablässigem auf und ab nahezu geradeaus. Nicht sehr aufregend und nur Kilometerzähler wie Steine zeigen das sich unaufhaltsame Nähern des Zieles an. In Gafsa genieße ich die Einladung einer Fährbekanntschaft und nach reichlichem Genuss tunesischer Gastfreundschaft falle ich trunken und müde ins Bett.   Gafsa ist das Tor zum Süden, Handelsstadt und Verkehrsknotenpunkt. Hier beginnt die Welt der Einöde, die nur von wenigen Oasen unterbrochen wird. Leichtmütig nehme ich die letzte Möglichkeit zur Auffrischung meines Wasservorrates wahr, denn nun gibt es wirklich nichts mehr für die nächsten 40Km und mein Motor läuft in erster Linie mit Wasser. Auch die Dattel erweist sich als durchaus brauchbares Nahrungsmittel. Kurz hinter Metlaoui gönne ich mir einen Abstecher zum Gorge de Selja. Nach sieben Km erreicht man den Durchbruch des Flusses durch den Jebel Chuabine. Die ganze Schönheit des Naturmonuments erschließt sich erst nach einem Fußweg entlang der Phosphatbahn durch zwei Tunnel, in denen einem das erwartete Nahen eines Zuges das Herz spürbar höher schlagen lässt. Höher als derWind, der auf den folgenden fünfzig Km nach Tozeur beständig von Süden bläst und mich in die unteren Gänge zwingt. Wie eine warme Mauer undefinierter Konsistenz steht er vor mir und Kurbelumdrehung für Kurbelumdrehung, Kilometer für Kilometer, grabe ich mich in ihn hinein. Das Land des warmen Nichts, des Windes und der Dattelpalme.



Kurz vor Tozeur mehren sich die Palmenhaine, stete Bewässerung bringt die Wüste zum Grünen. Dann endlich die Stadt, von der selbst ansässige Jugendliche sagen, sie sei das Paradies und das nicht nur als Anspielung auf den botanischen und zoologischen Garten gleichen Namens. Er liegt gut zwei Km. vom Zentrum entfernt und unterscheidet sich kaum von den an sich schon paradiesisch anmutenden Palmenhainen, die man auf dem Weg dorthin durchquert. Absolut sehenswert ist die Altstadt von Tozeur, ein festes Gefüge aus Ziegelmauern mit kunstvoller Ornamentik, durch das sich enge Gassen winden. Das Entladen eines Eselskarrens lässt den Weg selbst für Fußgänger unpassierbar werden. Vor der Durchquerung des Shot el Jerid gönne ich mir  hier eine Pause im Hotel Oasis, wirklich einer Oase der Ruhe nach all den kleinen, lauten Innenstadthotels der letzten Tage. Hektisches touristisches Treiben herrscht in den Straßen der Stadt. Mit mörderischem Tempo werden sie in Geländewagen von Attraktion zu Attraktion gefahren. Time is cash und in den schönsten Wochen des Jahres will man ja möglichst viel sehen, für sein Geld. Sehen sie wirklich alles, alles das auch ich sehe, wenn ich ein Land mit eigener Muskelkraft erfahre? Sicher fehlen mir einige Monumente und Informationen, doch war meine Hand noch nie so lahm vom vielen Zuwinken, mein Rachen trocken vom ewigen marhaba, bon jour, nie habe ich so viel geredet und Kontakte gehabt wie auf dieser Reise.



Früher als gewöhnlich breche ich auf um die nahezu 70Km durch den Shot el Jerid nicht in der größten Tageshitze fahren zu müssen. Das Schwabbeln des vorsorglich gefüllten Wassersackes beeinflusst recht negativ das Fahrverhalten meines Rades und gibt mir während der ersten zehn Km Anlass zu Gedanken über Sinnlichkeit wie Sinnfälligkeit gewisser femininer Dessous, Tanklasterunfälle und ähnlichem. Im nächsten Ort spende ich den Inhalt einer Palme und greife auf das bewährte Mehrkammersystem, das heißt vier mal anderthalb Liter Plastikflaschen,  zurück. Die Fahrt auf dem fast geraden Damm, der erst seit 1981 die Durchquerung des Salzsees gefahrlos möglich macht, erscheint endlos. Das vollkommene Rund des Horizonts, wie man es sonst nur auf hoher See erlebt, lässt einen schon nach der halben Strecke Trugbilder sehen. Auf der gleißenden Fläche erscheinen Büsche, Palmen, Oasen zum Greifen nah und doch dauert es noch Stunden bis ich den ersten Schatten erreiche. Die Fatamorganas der Abenteuergeschichten meiner Jugend, life und mit trockenem Gaumen, ein besonderer Genuß. Endlich in Kibili gönne ich mir eisgekühltes, klebendsüßes Zivilisationsgetränk. Der Rest des Weges bis nach Douz ist jetzt nur noch eine harmlose Zugabe. Eine Kamelreiterkaravane in den Sanddünen bei der Wüstenstadt weist mir den Weg ins Touristenghetto. Seit vier Jahren wurde hier alle Jahre ein neues Hotel in den Sand gestellt. Ich suche mir das älteste aus, da die anderen noch unfertiger erscheinen und ergattere das letzte Zimmer. Alle Busreisen und Safaritours machen hier am Rande der großen, unbarmherzigen Sahara Station. Wie wird es erst im Dezember sein, wen das "Festival du Sahara" mit seinen Reiterspielen und Dromedarwettkämpfen stattfindet? Als dann alle Gruppen nach und nach das Hotel verlassen, um den berühmten Sonnenuntergang über den Dünen zu erleben, fotografieren oder zu filmen, genieße ich es, Thermalbad, Pool und Bar für mich allein zu haben.



Am nächsten Tag wünschte ich mir mehr Gesellschaft. Meine Fahrt geht über streckenweise total versandete Pisten, denn auch hier hat sich das Unwetter der vergangenen Tage bemerkbar gemacht. Der Sturm hat für Sandverwehungen gesorgt, die bis in die Oasen reichen. Auch die, gleich unseren Schneezäunen, auf die Kämme der Dünen gesteckten Palmwedel haben die feinkörnige Flut nicht aufhalten können. Auf der Piste in Richtung Matmata muss ich immer wieder absteigen und das Rad durch staubfeinen Treibsand schieben, um danach wieder über knochenhartes Waschbrett zu holpern oder Slalom durch Geröll zu fahren. Ein kräftezehrendes Unternehmen, das auch durch entgegenkommende, lustig hupende und winkende Jeep-Safaris nicht erleichtert wird. Immerhin bin ich nicht ganz allein in der Wüste, was sich dann ändert, als ich nach circa 60 Km auf der sich immer wieder verzweigenden Piste etwas zu weit in Richtung Süden gerate. Anhand des Schattens, den ich werfe, wird mir klar, das  etwas nicht stimmt und ich ziehe den Kompass zu Rate. Jene letzte spitzwinklige Verzweigung war also die, in der Karte fast rechtwinklig eingezeichnete, Kreuzung. Da ich nur in äußerster Not bereit bin umzukehren beschließe ich die neue Route bis Medenine auszudehnen. Eine genauere Karte wäre jetzt von Nutzen gewesen, den so lüge ich mir selbst etwas vor, als ich, bei schon tief stehender Sonne, den Weg bis zur nächsten eingezeichneten Wasserstelle mit 10 bis 12 Km. veranschlage. Dabei hoffte ich, dass diese nicht aussieht wie die Vorherige. In einem schön gemauerten Brunnen sah man in 15 bis 20 Meter Tiefe das  sich in glatter Wasserfläche spiegelnde Himmelsblau, doch weit und breit gab es weder Seil noch Eimer. Kein Problem, denn ich hatte noch genügend Reserven. Jetzt allerdings ist die Lage schon um vier Liter spannender. Bald verschwindet die Hoffnung, das Zelt noch bei Tageslicht am Brunnen aufschlagen zu können. Ein sehr unromantischer Sonnenuntergang bietet sich mir dar. Die Aussicht hinter jeder Bodenwelle den Brunnen zu sehen treibt mich weiter. Der Gedanke an die verbliebene Menge Wassers und die letzte Handvoll Datteln lässt mich Hunger und Durst unterdrücken. Mit wundem Rachen und geschwollener Zunge, kaum noch die Struktur des Schotters wahrnehmend geht es voran. Dann Motorengeräusch von hinten. Das erste Fahrzeug seit meiner Fehlnavigation und das erste das heute in meine Richtung fährt, ist ein Jeep der neben mir stoppt. Fragen, wie es mir gehe, woher, wohin und als man mich aufklärt, dass das Ziel, das ich jede Minute zu erreichen dachte, noch über 10Km entfernt ist, wird nicht mehr lange gefragt und die Männer von der Garde Nationale greifen zu, binden das Rad an den Jeep und in einem, dem Radler höllisch erscheinenden Tempo, geht es über die nächtliche Piste. "Bir Soltane" heißt der Brunnen, bei dem es, welch Wunder, ein Wüstencafe gibt, neben dem ich mein Zelt aufschlagen kann. Nichts als mein Dank  wird für die Mitfahrt erwartet und der Jeep brummt weiter in die Nacht hinein. Die drei Männer vom Cafe bewirten mich mit Sandwich, Tee und vor allem, köstlichem, kühlem Wasser in jeder Menge. Unter dem riesigen Sternenzelt der Sahara gibt es Gelegenheit zu Gesprächen und zum Nachdenken über die Geringfügigkeit des Individuums im Universum.



Noch vor Sonnenaufgang werde ich wach. Zu Cafe und Zelt haben sich in der Nacht noch einige Dromedare gesellt. Sie kommen zum Trinken an den Brunnen und bleiben über Nacht in der Nähe der Menschen, da es in der Wüste doch einiges Raubzeug gibt, erklärt mir Ajaola beim Frühstück, backt über dem kleinen Feuer aus Buschholz einfache, wohlschmeckende Fladenbrote und gibt mir noch gute Ratschläge in Bezug auf die Straßen. Ich entschließe mich nun doch nach Matmata zu fahren, denn die Piste dorthin sei eindeutig und öfter befahren, während die nach Medenine häufig verzweige und mitunter nur alle zwei Tage dort ein Fahrzeug führe. Bezahlung für Speisen und Getränke? Aber nicht doch! Nicht alle Tage trifft man einen Verrückten, der mit dem Fahrrad durch die Wüste fährt, ich war ihr Gast.  



Wieder auf der Piste sehe ich im weichen Sand faustgroße Katzenpfotenspuren, die meinen Weg ein Stück begleiten, um dann in die Weite der Wüste abzubiegen. Nicht alles was erzählt wird, sind nur so Geschichten. Die von den Geparden erscheint mir nun doch als sehr real. Trotz meines frühen Aufbruchs wird die Hitze bald unerträglich. Auch die geringe Nahrungsaufnahme des letzten Tages macht sich bemerkbar und ich lasse mich im ersten Schatten seit zwei Tagen nieder, ein Ölbaum auf gepflügtem Acker. Gut zwei Stunden raste ich, esse das Brot, das mir Ajaola mitgab, die letzten Datteln und benetze meinen Gaumen nach Herzenslust mit Wasser. Baum und Acker sind erste Spuren von Zivilisation und nach Matmata ist es nicht mehr weit. Nur noch zehn Km. Piste und dann lang ersehnter Asphalt. Selbst das überwiegende Bergauf schreckt da nicht, nicht wie in Matmata der Tourismus. Fast alle Hotels sind belegt und fast wäre ich schon auf dem Weg nach Gabes gewesen, wollte ich mir nicht ein intensiveres Erleben der Höhlenstadt entgehen lassen. In den weichen Lehmboden sind bis zu zehn Meter tiefe Hoftrichter gegraben von denen waagerecht etliche Wohnhöhlen in den Berg getrieben wurden. Diese Bauweise schafft eine natürliche Klimatisierung. Auch ich kann in einem einfachen Höhlenhotel die Vorzüge dieser Architektur genießen. Dort wo Touristen in Massen auftreten wachsen auch Unsitten wie Geschwüre. Kinder betteln dreist um Beträge, für die ich mir gerade mein Mittagessen nebst reichlich Flüssigkeit erstanden habe. Väter schicken ihre Töchter zu Touristen, um Fotos mit ihnen machen zu lassen, fordern hektisch auf, doch ihre Wohnungen zu besichtigen, prostituieren sich und ihre Kinder. Bus für Bus läuft der Strom der Touristen. Erschreckend nach den Tagen in der Wüste, eine belebte Totenstadt.

Ich sehne mich nach etwas Natürlichkeit, nach Leben und am nächsten Morgen rolle ich nach Gabes. Keine zwei Stunden dauert es. Ich erkunde den Strand, die Oase, den Hafen und suche mir in aller Ruhe ein Hotel. Ohne den Fotoapparat, das Signum des Touristen, gehe ich dann durch die Suks, sitze lang im Cafe und finde durch die Oase wandernd den Hafen wieder. Ich werde Zeuge, wie ein reparierter, restaurierter Trawler seinem Element wiedergegeben wird, bewundere Ali, der, gerade fünfzehn, all den Punkten, die durch die Stützbalken verdeckt waren, noch ihre Farbe gibt, während der Kran schon am Rollen ist. Ich drücke mit das Schiff von der Mauer fort, bis die Fender das Werk des neuen Anstrichs schützen. Am Abend dann gerate ich in eine Hochzeitsgesellschaft. Ob der Stapellauf heute ist, weiß ich nicht, denn so eine traditionelle, tunesische Hochzeit dauert fünf Tage. In der ersten und zweiten Reihe sitzen die Jungfrauen von Gabes, dahinter, in größer werdendem Rund der weiteren Reihen, die, die es einmal waren. Ein großer Ventilator nebst seinem wichtigen Bediener sorgen für ununterbrochenen Schall aus dem Keybordverstärker. Dann drängen sich die Massen, Frauen stoßen Freudentriller aus, das Brautpaar erscheint, glücklich lächelnd, ausgeliefert dem Ritual. Ich habe mich, unberechtigterweise, bei den Jungmännern eingereiht und verdrücke mich, bevor der Schwindel auffliegt.



Die nächsten Tage lerne ich eine andere Musik kennen. Das Lied des Windes, der mir entgegen bläst, stärker als bisher erlebt. Er füllt meine Ohren mit ständigem Brausen, lässt mich von hinten nahende LKW's erst hören, wenn sie neben mir sind und treibt mir den Staub ins Gesicht. Abends bin ich in Sfax, der zweitgrößten Stadt Tunesiens. Am anderen Tag wächst sich der Wind zum Sturm aus. Noch langsamer komme ich voran und es gibt kein Ausweichen, kein Ende. Der über die Straße getriebene Sand schmerzt auf der Haut und bildet mit dem Schweiß eine Kruste. In El Djem, am zweitgrößten Amphitheater der römischen Welt, angekommen, weht der Sturm reihenweise die Sonnenschirme vor den Cafes um. Das, die kleine Stadt dominierende, Bauwerk wirkt noch gewaltiger als das Kolosseum in Rom. Bei einem Glas Orangensaft beschließe ich, dem Wind ausweichend, nicht wie geplant nach Kairuan zu fahren, sondern mich in Richtung Monastir zu bewegen. Dort wo ich über landwirtschaftliche Pisten rolle stört mich der Sturm weniger als auf der Hauptstraße und auch ein Schlenker in einer Bö dürfte hier nicht unter knochenzermalmenden Lkw-Reifen enden. Nur das unendliche Sandstrahlgebläse hemmt auch hier mein Vorankommen. Fast Zwanzig Km vor Monastir, in Moknine wird es Zeit ein Hotel zu finden. Den Weisungen von Taxifahrern und einem häufig auftauchenden Schild folgend finde ich schließlich eines in der Vorstadt Ksar Hellal. Müdigkeit, Staub und Dreck lassen mich über alles hier Gebotene hinwegsehen. Für's  Abendessen muss die Garküche auf der anderen Straßenseite reichen. Dafür ist dann diese Übernachtung fast so preiswert wie die in Bir Soltane oder Gafsa, wo ich eingeladen war. Am anderen Tag hat der Sturm abgeflaut, ich komme gut voran und bin noch vor 15.00 in Hammamet, wo ich mir vor der Rückfahrt noch Strand und faulenzen leiste. Strand, Kneipen, Restaurants, das Billigreisenhotel und all das Übliche lassen mich nicht trauern, als ich nach zwei Tagen über Nabeul nach Tunis fahre. Am Hotel werden ich, mein Trinkgeld, oder beide, schon erwartet. Der Porter strahlt, versorgt mein Fahrrad und übergibt mir das deponierte Gepäck. Am Abend sitze ich wieder in meiner Seeräuberkneipe ums Eck bei Fisch und Wein.

Die morgendliche Fahrt über den Autobahndamm und das Einchecken an Bord verlaufen problemlos. Als nach langer Wartezeit endlich das Schiff ablegt ändere ich meine, ursprünglich gebuchte, Deckspassage in eine erster Klasse. Eine Zweierkabine mit Dusche und WC ist doch angenehmer, als morgens in Exkrementen stehend auf's Zähneputzen zu verzichten. In Genua angekommen degradieren italienische Zollmachos und Imigationsbeamte die Schiffsreisenden zu Herdenvieh. Gedränge vor dem engen Durchgang zur Kontrolle und dann lässt das System der getrennten Abfertigung von Personen und Fahrzeugen kein zügiges Entladen der Fähre zu, außer man ist mit dem Fahrrad. Wieder in Europa geht es wie im Fluge auf vertrauten Straßen in die Heimat. Dieses mal sind die schützenden vier Wände erreicht, noch bevor der große Regen einsetzt.