Was macht ein Mensch der beruflich viel mit dem Auto, der
Bahn, dem Flugzeug unterwegs ist im Urlaub? Er setzt sich auf sein Fahrrad. Ist
es nicht sinnvoll, mal mit eigener Muskelkraft Strecken zu bewältigen, welche
sonst dem motorisierten Verkehr
vorbehalten sind? Man benötigt zwar mehr Zeit, doch langsam Reisen bedeutet
auch wertvoll Reisen. Die Erlebnisebene
ist eine andere. Es findet Kommunikation mit Menschen und Tieren am Wege statt.
Man ist dauernd im Disput mit sich selbst, lernt seinen Körper und seine Umwelt
kennen. Ein Gefühl von Freiheit vermittelt sich. Es gibt keine Termine, keine
Fahrpläne.
Am 12.Juli, dem Tag der geplanten Abfahrt hält das
Nieselwetter der vergangenen Tage an. Wohlwissend,
daß es keine Garantie für trockene Reisetage gibt, schwinge ich mich in den
Sattel. Es dauert keine zehn Minuten und zu den von aufgewirbelter Feuchtigkeit
schon nassen Füßen gesellt sich ein regennasser Rücken Aber es geht ja in
Richtung Süden und alles kann nur besser werden. Von Baden-Baden aus fahre ich
auf der B3, einer vielbefahrenen Straße,
durch bekanntes Gelände über Offenburg, durch den Kaiserstuhl nach
Efringen-Kirchen, meinem ersten Etappenziel. 160km. Gegenwind und Regen haben
mich ganz schön geschafft, aber ein gutes
Essen und ein trockenes Bett lassen mich nicht lang mit dem Wetter
hadern. Am nächsten morgen überrascht mich ein verblüffend hoher Himmel mit nur
noch wenigen Wolken. Die Schlechtwetter-Phase scheint beendet zu sein. Nach
einem kräftigen Frühstück geht es wieder in den Sattel und auf den ersten
Kilometern ziehen Knochen und Muskelstränge ein schmerzliches Resümé des
vergangenen Tages. Bald jedoch ist nur noch die Lust am Fahren übrig. Schnell ist die kurze Strecke bis Weil
am Rhein bewältigt und die Grenze zur Schweiz nach Basel überfahren. Hier zeigt
sich der Meister im Kartenlesen. Flink gefahren und kurz geguckt schlage ich
zwischen Riehen , Lörrach, Wyhlen so manchen Haken, um endlich bei
Rheinfelden den Fluß zu überqueren und danach die schöne Strecke
durch das Voralpenland entlang dem Buuserbach nach Gelterkirchen zu fahren wo
ich auf die B2 nach Luzern einbiege. Sonne, kischenerntende Bauern,
eine surrende Kette und vielzahniges Schaltwerk lassen mich die Fahrt genießen.
Versunken in Gedanken ob rechts oder links am Vierwaldstätter See entlang weckt
mich ein freundliches "Gruezi" und schon ist sie vorbei ,blond ,jung
und aufreizend tief in den Rennlenker geschmiegt. Der Versuch mir den Anblick
zu erhalten oder mich gar zu nähern wird
bei der nächsten Steigung mit Wiegetritt und einem kecken Blick über die
Schulter quittiert. Rei-chen mir zur
Rehabilitierung 18Kg Gepäck und ein mehr an Jahren??
Neuer Absatz
Ich entscheide mich für den rechten Weg, den der bei
Seelisberg endet, dort wo die Autobahn im langen Tunnel verschwindet. Einige gute Steigungen
beschließen den Tag. Im Hotel, dessen einziger Gast ich bin erfahre ich daß es
doch einen Weg gäbe, nach Bauen, den zwar noch keiner mit dem Rad gefahren sei
aber man könne es ja "stoßen". Da ich mir so die geruhsame
Schiffspassage nach Brunnen erspare beginne
ich den 3ten Tag auf besagter Strecke. Es wun-dert mich nicht daß hier noch
keiner fuhr, denn steil führt eine Treppe über ca 2Km und 500 Höhenmeter durch
den Wald hinab zum See. Weniger als 20m vor mir kreuzen zwei Gemsen
den Weg. Von Bauen geht es dann, endlich wieder im Sattel, flott in Richtung
Gotthard. Eine letzte Rast an der Teufelsbrücke hinter Göschenen und dann
hinauf zur Paßhöhe.Die letzten Tage waren ein gutes Training und machen sich
jetzt bemerkbar. Nicht zu schnell aber beständig werden die 2109m erklommen. In
dieser Höhe ist es immer noch kalt und die Abfahrt verlangt nach einer warmen
Jacke. In Airolo dann ist der Süden erreicht und in Cadenazzo das Ende der 3ten
Etappe. Mit einem längeren 10% Anstieg beginnt der Morgen. Parallel zur Autobahn
erreiche ich über Lugano und Chiasso Italien, das Land der Zitronenblüte.
Inmitten der Tristesse norditalienischer Industrielandschaft bahne ich meinen
Weg, durch die Stadt welche die Welt lehrte was Dioxin ist, Seveso. Nichts
erinnert. Dann Milano, Kopsteinpflaster, Straßen-bahnschienen, lauter Verkehr.
Schildern, nicht Karte oder Kopf folgend gerate ich auf
die Umgehungsautobahn, bis zur nächsten Ausfahrt mitgezogen von Luftwirbeln
hautnah passierender LKW frage ich mich von dort zum richtigen Weg nach
Piacenza durch. Entschädigend für die Unbill der Metropole hält die Emilia-Romagna kleine,
gewundene, schilfgesäumte Straßen für mich parat, sodaß ich mich nach 197km
zufrieden dem abendlichen Treiben Piacenzas hingeben kann.
Am Morgen nimmt mich der Rhythmus der Stadt gefangen Vorbereitungen zum Öffnen der Läden, ein
Schwätzchen da und dort, Espresso und Morgenzeitung, lautes hin und her aber
keine Eile. Bella Italia. Spät verabschiede ich mich, folge dem Tal der Nure in
den Appenino Ligure. Keine 15km außerhalb fallen mir, versteckt im Grün, kunstvoll
gemauerte Gebäude auf.
Grazzano Visconti, kunstvoll in der Tat. Anlehnend an ein
Schloß aus dem 14ten Jahrhundert baute um 1900 Giuseppe Visconti di Modrone das
Dorf, bestehend aus einem Dutzend Häusern im Stil des 13ten und 14ten
Jahrhunderts auf. Die Visconti Institution förderte den Kampf gegen die Malaria
in den Regionen von Puglia sowie das regionale Kunsthandwerk das noch heute in
Grazzano gepflegt wird. Nach diesem Abstecher in Kultur und Geschichte geht es
weiter bergauf. Ein unbedeutender Pass, keine 1000m hoch aber mit einigen
Steigungen über 15% bringt mich in das Tal der Arda. Die Straße gehört mir.
Höchstens alle 15 min. begegne ich einem Fahrzeug. Die Dörfer wirken ausgestorben.
Von der Arda an die Ceno , das gleiche Spiel, stehende Hitze und obwohl die
Straße der höchste Punkt der Gegend zu sein scheint kein Ende der Steigung. Ein
Waschhaus mit Brunnen gibt vor dem Paß wohlverdiente Erfrischung. Die Abfahrten
sind schnell und kurvenreich, Straßenschäden strapazieren Rad und Lenker. Zu
bald die nächste Steigung über Prato ins Val di Taro. Vor Erreichen der Höhe
türmen sich Gewitterwolken hinter mir auf. Letzte Anstrengungen und dann fliege
ich hinab, einem Regenschutz entgegen. Gewitter fliegen keine Serpentinen und
so holen mich vor Borgo dicke Tropfen ein. Dort wird mir von geschützt unter´m
Vordach Stehenden der Weg ins Albergo gewiesen. "Wer mit dem Rad reist
wird auch nicht viel Geld fürs Hotel haben" höre ich noch, und
entsprechend war die Unterkunft. Dem, der wie ich fleischlose Küche und guten
Wein schätzt bietet Italien Trost in allen Lagen. So wurden in einer kleinen
Trattoria die Mängel des Albergo wieder gutgemacht.
Von Borgo aus den Bergen ans Meer. Bei Marina die Carrara
ist dann die Rast Pflicht . Weißer Strand, blauer Himmel, Sonne, alle
Urlaubsklisches sind vertreten. Auch lärmende Kinder, fettigbraune Schönheit die
sich zeitlos ultra-violetter Strahlung widmet und der Eisverkäufer. Nach der
zweiten Banane fliehe ich auf die Straße die mich glatt , breit und eben
rückenwindbeflügelt weiter nach Süden treibt. Zwischen Viareggio und Pisa rufen
die "Schönen der Straße" einen mörderischen Verkehr hervor. So
mancher mehr oder weniger potentielle Kunde fährt das Stück der Strada auf und
ab mit seinem Blick bei den Damen, die mal martialisch Ledergepanzert neben der
Piste , mal feengleich in sonnendurchfluteten Lichtungen des Waldes stehen oder sitzen. Es bedarf all
meiner Konzentration, nicht vom Wege abzukommen. In Pisa dann der obligate
Blick auf die Neigung des Turmes. Neben dem allgegen-wärtigen Rummel
verblasst die Schönheit der Bauwerke der Piazza dei Miracoli und wieder treibt es mich weiter. Voltera
steht heute auf meiner Liste, schon im Herzen der Toskana und noch weit. Die
Sonne neigt sich bereits dem Horizont zu als ich die Stadt auf ihrem Berge
thronen sehe. Die bisher gefahrenen 200km waren nichts gegen diese letzten
fünf, bis ich dann endlich vor dem Hotel vom Sattel gleite. Spät am Abend
gerate ich in ein Fest. Die Via Nova feiert. Der Wein fließt aus einem 100ltr.
Ballon, Knoblauch-Tomaten Sandwiches werden gereicht und die Band spielt
Schrammeljazz. Da wo mir italienische Worte fehlen wird mit deutschen
geantwortet und obwohl (wie sonst auch) nichts gesagt wurde, haben sich alle
köstlich unterhalten.
Die
Geschichte Volteras läßt sich bis
in die Villa-nova-Zeit, ins 8-9.Jht.v. Chr. zurückverfolgen. Eine Kultivierung
findet unter der griechischen Kolonisation statt und dank des Abbaues von
Mineralien und dem Handel damit entwickelt sich die Stadt zu einem der
wichtigsten etruskischen Lukomonien. Sie vergrößert sich so sehr, daß der Bau
einer Stadtmauer nötig wird, deren Bau 400v.Chr. beendet wird. 90v.Chr. werden
die Beziehungen zur italienischen Föderation durch die Zuerkennung der
römischen Bürgerrechte besiegelt. Die
neue innere Stadtmauer stammt aus dem 13.Jht. Nach all den üblichen Prozessen
der Christianisierung und des mittelalterlichen Feudalismus nahm die Kernstadt
ihre heutige Form an.
Dem interessierten Besucher bieten Museen und Baudenkmäler vielfache
Schätze aus etruskischer, römischer und christlicher Zeit und wie schon vor
fast 3.000 Jahren ist Voltera heute noch ein Zentrum der Alabasterkunst. Nach
allen Himmelsrichtungen hat man durch enge Gassen einen weiten Blick in die
umgebende Landschaft. Das Licht einer leicht verschleierten Sonne vermittelt
ein gewisses Hochgefühl und nach all den Museen den Wunsch zu fliegen. Das
Fahrrad steht bereit. Dieses Gefühl der Leichtigkeit hält den ganzen folgenden
Tag an, nicht nur weil ich am Ziel bin, die hügelige Landschaft ist es. Ihr
fehlt der Ernst der Alpen, die Kargheit des Appenin und die Monotonie der
Ebene. Leichte Steigungen wechseln mit flotten Abfahrten. Der Blick schweift
weit übers Land. Ackerflächen in verschiedenen Brauntönen, vom Pflug mit
gewundenen Strukturen durchkämmt, wechseln sich ab mit wogenden Getreidefeldern
und hell leuchtenden Sonnenblumenkulturen. Auf den Hügeln entdeckt man immer
wieder einzelne Gehöfte zu denen kurvige Zypressenalleen führen. Die Zypresse
ist der Baum der Toskana, im Gegenspiel zu den sanft gewellten Hügeln setzt sie
himmelweisende Akzente, zeigt in das endlose Blau ohne der Sonne bedeutenden
Schatten abzuringen.
Hier stoße ich auch erstmals auf Gleichgesinnte. Die Drei
auf ihren Rennrädern, ohne Gepäck, die in Richtung Rom unterwegs sind und das
Paar auf den Mountys mit Zelt und Allem. Wir fahren die gleiche Strecke doch
unterschiedliche Geschwindigkeiten, was nicht verhindert, daß wir uns häufiger
begegnen. Andere Pausen halt. Ich gönne mir einen längeren Aufenthalt in Sienna
und bin auf dem Weg über Pienza nach Montepulchiano wieder der einsame Reiter.
Von ferne bewacht der Monte Amiata, ein erloschener Vulkan, mit seinen 1738m
die Gegend. Immer noch wirken geothermische
Kräfte und am Fuße des Berges brodelt so manche heiße Quelle. Hier ist der
Mantel unserer Erde sehr dünn und mit der Möglichkeit von Erdbeben muß man leben. Der Berg gibt und der Berg nimmt. In Montepulchiano dann Kampf ums Hotelzimmer.
Jährlich im Juli - August finden hier seit 1976 die "Cantiere
Internationale d`Arte" statt.Das Besondere dieses Festivals ist die
Einbindung der Bevölkerung insbesondere der Jugend in das Geschehen. Da einer
der Initiatoren H.W.Henze ist wird neben der Klassik zeitgenössische Musik stark gefördert.
Künstler aus aller Herren Länder prägen während der Tage das Bild der Stadt die
sich in ihrem Äußeren bis heute die charakteristischen Merkmale des
Mittelalters bewahrt hat. Neben der E-Musik findet seit Neuestem ein noch
kleines alternatives Jazzfestival statt und im Nachbardorf Monticchiello
verwandelt sich seit Jahren die Piazza in eine Bühne wo das "Theatro die
Poveri", die Bevölkerung selbst, ihre Geschichte spielt. Dralles, buntes
Bauerntheater mit Attitüden zum Nachdenken.
Vier Tage bleibe ich, erkunde Tags in gepäckloser Leichtigkeit die
Umgebung und gebe mich am Abend kulturellen, kulinarischen und sonstigen
Genüssen hin. Mein nächstes Ziel ist Gubbio, das ich über Perugia und einen
Abstecher nach Assisi erreiche. Auch diese Stadt steht im Zeichen eines
Musikfestivals. Hier wird in alten umbrischen Mauern alles musikalisch denkbare
zwischen Mozart und Cage geboten. Der vormittägliche Rundgang und das Programm
laden zwar zu längerem Verweilen ein doch sind meine Pläne schon wieder nach
Norden gerichtet. Ich fahre weiter an die Adria und lege in Milano Marittima
einen völlig antikulturellen Strandtag ein.
Dann rufen mich Verona und die Alpen. Sonntagmorgen von
Milano M. über Ravenna nach Ferrara zum Mittagessen und dann am Abend in Verona
"Aida" . Ohne Planung und Buchung geht das leider nicht aber der
Genuß dieser Darbietung in diesem Ambiente ist gewisse Einschränkungen der
persönlichen Freiheit wert. Nach all diesen Genüssen für den Geist habe ich mir
dann einige für den Korpus reserviert. Die Alpen stehen diesmal nicht als ein
Berg, ein Paß vor mir sondern als Stilfser Joch ,Umbrail-, Ofen- und
Flüela-pass. Von Verona geht es die Etsch aufwärts in gut 200km nach Naturns.
Mit Befriedigung stelle ich fest, daß dieser Urlaub nicht nur gut für meinen
Kopf war sondern auch meine körperliche Leistung wachsen ließ. So mancher Radler hat hier das
Glück seine Feierabend - Trainingsrunde im Windschatten eines ATB mit einigem
Gepäck zu beginnen oder zu beenden. Anderntags beim Anstieg zum Stilfser Joch
allerdings zählt dann jedes Gramm und neidlos lasse ich die Gruppe junger
Radfahrer passieren die ich dann bei ihren Pausen am Coachwagen einige Male
wieder einhole. Die dünne, klare Luft und die intensiven Farben der
Gebirgsfauna zu genießen rechtfertigt jede Kurbelumdrehung. Auf der Paßhöhe,
immerhin 2758m, läßt sich ein etwas herablassender Blick auf die zahlreichen
Motorrad und Autotouristen nicht vermeiden. Abseits vom Trubel genieße ich
meine Rast, das grandiose Panorama und sehe auch schon die Straße auf der ich
hinabgleiten werde. Kurz hinter dem Umbrail werde ich jedoch um meine
rauschende Abfahrt betrogen Die Straße nach Sta.Maria ist nicht ausgebaut und
die Piste verlangt volle Konzentration und kräftige Bremsfinger. Zum
Ausklang meiner Reise erwartet mich
wieder unbeständiges Wetter. Nach meinem Aufbruch von Sta.Maria und der Fahrt
über den Ofenpass ist der Himmel nur leicht bedeckt, doch schon auf der Höhe
des Flüelapasses treibt mich drohendes Gewittergrollen schnell weiter. Trotzdem
werde ich naß, doch bei den im Tal der Landquart vorherrschenden sommerlichen
Temperaturen ist diese Nässe bald verdampft. Der Rest der Reise ist geprägt vom
der Ahnung des nahen Endes. Etwas zäh reihen
sich die Kilometer aneinander, der Schwung des Neuen, des Entdeckens
fehlt und so bleibt mir nur, leistungsmäßig noch eines draufzusetzen. Sicher
ist es in Lichtenstein schön, wie auch am Bodensee und am Rheinfall.
Vielbefahrene Radwanderwege meide ich, zu viele "Wanderer" hemmen
meinen Vortrieb und schaffen nur Verdruß . Den letzten Tag beschließe ich in
der Dämmerung mit satten 241km dort, wo ich auch startete, vor meiner Haustür.
Schön war es, und schon läuft die ganz spontane Planung für die nächste Tour.
TUNESIEN 1993
Über meine diesjährige Alpenüberquerung in Richtung Süden
wäre es besser, den Mantel des Schweigens zu hüllen. Tiefdruckgebiete mit Kälte,
Wind und Regen lassen auch die Stimmung in der Depression. Zähigkeit und
Leistungswille sind gefragt, denn feuchtes Gepäck und ewiges hin und her
zwischen Schweiß und Regennässe, sowie
zu gefühllosen Klumpen abgestorbene Füße, machen die Kombination aus Grimsel
und Nufenenpass nicht leicht.
Hinab ins Tessin und am Lago Maggiore entlang fahre ich dann
euphorische 180Km, habe meinen Zeitplan nahezu übertroffen und noch ganze zwei
Tage für restliche 200Km bis Genua, von wo aus ich die Fähre nach Tunis gebucht
habe. Vor dem Beginn der Seereise bleibt also noch reichlich Muße, Küche und
Ambiente der Hafenstadt zu genießen. Vor der verspäteten Abfahrt zieht jedoch
noch ein Gewitter auf, Stahlroß und Reiter werden nochmals kräftig eingeweicht
und selbst das Ablegen des Schiffes wird noch mit Blitz und Donner untermalt.
Eine ruhige Überfahrt lässt nach und nach das gewisse Ziehen in den
Oberschenkeln verschwinden, Reisebekanntschaften schließen und die entspannte
Stimmung einer Seereise genießen. Auch Schlangestehen für erste Stempel im
Reisepass ist nötig. Nachts in La Goulette angekommen, muss das Dokument noch
etliche Male gezückt werden, bis dann endlich, der Radfahrer als erster natürlich,
das Hafentor passiert werden kann und afrikanischer Boden unter die Pneus
genommen wird. Auf den zehn Km Autobahn bis zum Hotel in Tunis City lerne ich
die installierte Beleuchtungsanlage schätzen.
Ein Tag in Tunis und bei all meinem Glück ist Feiertag,
der Geburtstag des Propheten. Das emsige Treiben in den Suks ist verstummt, nur
hier und da treibt einer einsam seine Zieselierungen ins Messing. Ein
besonderer Reiz, leere Suks am hellen Tage.
Für mich wird es der längst fällige Waschtag. Der Aufbruch
am folgenden Tage verzögert sich naturgemäß durch all das, was am Feiertag
nicht erledigt werden konnte.
Einen Teil des Gepäcks, den für kalte Tage, deponiere ich
im Hotel und so wird es dann fast 10.Uhr bis ich meinen Weg aus dem Straßengewirr
von Tunis in Richtung Mateur suche. Die erste Bordsteinkante signalisiert, dass
mein Vorderreifen Luft benötigt. Nach fast drei Tagen Herumstehens nicht
verwunderlich. Durch fruchtbares Gelände
geht es weiter. Getreide, Wein und Gemüse, wie
Tomaten und Peperoni werden hier angebaut. Landschaft und Herrenhäuser erinnern
an europäische, mediterrane Gegenden. Die Generationen französischen Einflusses
sind nicht nur in der Zweitsprache zu spüren. Eine lange Mittagssiesta
erscheint bei den vorherrschenden Temperaturen angebracht, verzögert aber die
Ankunft in Tabarka bis weit in den Abend hinein und wieder ist Licht nötig.
Auch verliert der Reifen nicht mehr schleichend, sondern geschwind seinen Druck
und da das Ziel nah ist, Dunkelheit überall, bleibt nur häufiges Pumpen. Nach
20.00 Uhr ist endlich Tabarka erreicht und ein Hotel bezogen.
Die Berge um
Tabarka sind reich mit Korkeichen bewachsen und so nimmt auch die
korkverarbeitende Industrie eine wesentliche Stellung in dieser noch wenig vom
Tourismus berührten Stadt
ein.
In kunsthandwerklichen Kooperativen werden Keramiken und
Teppiche nach traditionellen Mustern und
unter Verwendung von Naturfarben gefertigt. Eine Kommission wacht über die
Einhaltung der Vorlagentreue und handwerklichen Qualität der Produkte.
Nach dem Mittag beginne ich die Fahrt nach Jendouba,
schweißtreibend bergauf durch endlose, doch schattenspendende Korkeichenwälder,
entkomme Knaben, die mit aller Kraft ihr Pfund Pistazien an den Mann bringen müssen,
bewundere Holzschnitzer, die Eichen in Kamele oder andere Tiere verwandeln und
muss immer wieder an die Mädchen denken, die für drei Dinar Tageslohn Knoten nach
Knoten nach alten Mustern knüpfen, bis irgendwann die Augen ermüden und der
Nachwuchs seine Chance hat.
Ain Draham, ein beliebter Luftkurort in 800m Höhe beschließt
die Steigung und hinab geht es in plötzlich wechselnde Landschaft. Abgeerntete
hügelige Getreidefelder bestimmen das Bild und das Gelb lässt Ahnungen der
bevorstehenden Wüste aufkommen. Kurz vor Jendouba bietet sich der Besuch Bulla
Regias, einer römischen Ruinenstätte an. Besonders sehenswert sind hier reiche
Mosaiken in den Resten von Privatvillen und unterirdischen Tempelanlagen.
Jenduba bietet das geschäftige Treiben einer Handelsstadt,
alles lebt vom und ums Getreide, das hier vermarktet wird. Der Weg in ein
volkstümliches Restaurant scheitert, da in dem einzigen das mir empfohlen wurde
Pizzatag ist. So finde ich mich nach meinem Stadtrundgang im Hotel wieder, kämpfe
mich durch eine Halle voller biertrinkender Männer und setze mich als einer von
drei Gästen ins Hotelrestaurant. So sparsam wie der Andrang von Gästen ist, so
wird auch bedient. Irgendwann ist dann auch meinen fleischlosen Wünschen Genüge
getan und ein gutes Fläschchen tunesischen Weines versöhnt mich mit der Atmosphäre
der kühlheißen Bahnhofshalle.
Bei so viel Herzlichkeit und im Angesicht der Rolle
Klopapier auf dem Treteimer in der Dusche setze ich mein nächstes Ziel in ca.
200 Km an.
Kasserine heißt es. Aus den Regionen der Korkeichen durch
das Land des Getreides in die Gegend, wo die Kaktusfeige herrscht. Stacheliges
säumt den Weg, wird tonnenweise auf Pick-up's hin-und her-transportiert und körbeweise
neben der Straße zum Kauf angeboten. Schmerzliche Erfahrung aus jüngeren Jahren
lässt mich den Umgang mit dieser Frucht jedoch meiden. Aufziehende Bewölkung dämpft
die gleißenden Strahlen der Sonne. Blitze zucken von Wolke zu Wolke,
beschreiben Kreise und andere Figuren. Kurz vor dem auserkorenen Ziel, schon
wieder in Dunkelheit, wird die Straße feucht, verwandelt sich in eine
Wasserstraße, Nässe, Schlamm und Kies bedecken Radler und Gepäck als endlich
ein Hotel erreicht wird. Auch hier sprechen Männer dem vom Propheten geschmähten
Alkohol reichlich zu und dieses Bild steht in starkem Kontrast zu dem des
LKW-Fahrers, der neben seinem Gefährt, mit laufendem Motor, zur
vorgeschriebenen Stunde, im Straßenstaub sein Gebet verrichtet.
Kontraste bestimmen auch meine Reise und so wird die nächste
Etappe kürzer. Gafsa ist das Ziel und ich versäume nicht, das in der Nähe von
Kasserine an der Straße gelegene antike Ruinenfeld Chillium zu besuchen. Mit
dem Rad ist es schnell erschlossen. Wieder auf der Straße fällt auf, dass die
Natur der transportierten Früchte sich ändert. Datteln laufen den Kaktusfeigen
den Rang ab. Der Wege führt bei unablässigem auf und ab nahezu geradeaus. Nicht
sehr aufregend und nur Kilometerzähler wie Steine zeigen das sich unaufhaltsame
Nähern des Zieles an. In Gafsa genieße ich die Einladung einer Fährbekanntschaft
und nach reichlichem Genuss tunesischer Gastfreundschaft falle ich trunken und
müde ins Bett.
Gafsa ist das Tor zum Süden, Handelsstadt und
Verkehrsknotenpunkt. Hier beginnt die Welt der Einöde, die nur von wenigen
Oasen unterbrochen wird. Leichtmütig nehme ich die letzte Möglichkeit zur
Auffrischung meines Wasservorrates wahr, denn nun gibt es wirklich nichts mehr
für die nächsten 40Km und mein Motor läuft in erster Linie mit Wasser. Auch die
Dattel erweist sich als durchaus brauchbares Nahrungsmittel. Kurz hinter
Metlaoui gönne ich mir einen Abstecher zum Gorge de Selja. Nach sieben Km
erreicht man den Durchbruch des Flusses durch den Jebel Chuabine. Die ganze Schönheit
des Naturmonuments erschließt sich erst nach einem Fußweg entlang der
Phosphatbahn durch zwei Tunnel, in denen einem das erwartete Nahen eines Zuges
das Herz spürbar höher schlagen lässt. Höher als derWind, der auf den folgenden
fünfzig Km nach Tozeur beständig von Süden bläst und mich in die unteren Gänge
zwingt. Wie eine warme Mauer undefinierter Konsistenz steht er vor mir und
Kurbelumdrehung für Kurbelumdrehung, Kilometer für Kilometer, grabe ich mich in
ihn hinein. Das Land des warmen Nichts, des Windes und der Dattelpalme.
Kurz vor Tozeur mehren sich die Palmenhaine, stete Bewässerung
bringt die Wüste zum Grünen. Dann endlich die Stadt, von der selbst ansässige
Jugendliche sagen, sie sei das Paradies und das nicht nur als Anspielung auf
den botanischen und zoologischen Garten gleichen Namens. Er liegt gut zwei Km.
vom Zentrum entfernt und unterscheidet sich kaum von den an sich schon
paradiesisch anmutenden Palmenhainen, die man auf dem Weg dorthin durchquert.
Absolut sehenswert ist die Altstadt von Tozeur, ein festes Gefüge aus
Ziegelmauern mit kunstvoller Ornamentik, durch das sich enge Gassen winden. Das
Entladen eines Eselskarrens lässt den Weg selbst für Fußgänger unpassierbar
werden. Vor der Durchquerung des Shot el Jerid gönne ich mir hier eine Pause im Hotel Oasis, wirklich
einer Oase der Ruhe nach all den kleinen, lauten Innenstadthotels der letzten
Tage. Hektisches touristisches Treiben herrscht in den Straßen der Stadt. Mit mörderischem
Tempo werden sie in Geländewagen von Attraktion zu Attraktion gefahren. Time is
cash und in den schönsten Wochen des Jahres will man ja möglichst viel sehen, für
sein Geld. Sehen sie wirklich alles, alles das auch ich sehe, wenn ich ein Land
mit eigener Muskelkraft erfahre? Sicher fehlen mir einige Monumente und
Informationen, doch war meine Hand noch nie so lahm vom vielen Zuwinken, mein
Rachen trocken vom ewigen marhaba, bon jour, nie habe ich so viel geredet und
Kontakte gehabt wie auf dieser Reise.
Früher als gewöhnlich breche ich auf um die nahezu 70Km
durch den Shot el Jerid nicht in der größten Tageshitze fahren zu müssen. Das
Schwabbeln des vorsorglich gefüllten Wassersackes beeinflusst recht negativ das
Fahrverhalten meines Rades und gibt mir während der ersten zehn Km Anlass zu
Gedanken über Sinnlichkeit wie Sinnfälligkeit gewisser femininer Dessous,
Tanklasterunfälle und ähnlichem. Im nächsten Ort spende ich den Inhalt einer
Palme und greife auf das bewährte Mehrkammersystem, das heißt vier mal
anderthalb Liter Plastikflaschen, zurück.
Die Fahrt auf dem fast geraden Damm, der erst seit 1981 die Durchquerung des
Salzsees gefahrlos möglich macht, erscheint endlos. Das vollkommene Rund des
Horizonts, wie man es sonst nur auf hoher See erlebt, lässt einen schon nach
der halben Strecke Trugbilder sehen. Auf der gleißenden Fläche erscheinen Büsche,
Palmen, Oasen zum Greifen nah und doch dauert es noch Stunden bis ich den
ersten Schatten erreiche. Die Fatamorganas der Abenteuergeschichten meiner
Jugend, life und mit trockenem Gaumen, ein besonderer Genuß. Endlich in Kibili
gönne ich mir eisgekühltes, klebendsüßes Zivilisationsgetränk. Der Rest des
Weges bis nach Douz ist jetzt nur noch eine harmlose Zugabe. Eine
Kamelreiterkaravane in den Sanddünen bei der Wüstenstadt weist mir den Weg ins
Touristenghetto. Seit vier Jahren wurde hier alle Jahre ein neues Hotel in den
Sand gestellt. Ich suche mir das älteste aus, da die anderen noch unfertiger
erscheinen und ergattere das letzte Zimmer. Alle Busreisen und Safaritours
machen hier am Rande der großen, unbarmherzigen Sahara Station. Wie wird es erst
im Dezember sein, wen das "Festival du Sahara" mit seinen
Reiterspielen und Dromedarwettkämpfen stattfindet?
Als dann alle Gruppen nach und nach das Hotel verlassen,
um den berühmten Sonnenuntergang
über den Dünen zu erleben, fotografieren oder zu filmen,
genieße ich es, Thermalbad, Pool und Bar für mich allein zu haben.
Am nächsten Tag wünschte ich mir mehr Gesellschaft. Meine
Fahrt geht über streckenweise total versandete Pisten, denn auch hier hat sich
das Unwetter der vergangenen Tage bemerkbar gemacht. Der Sturm hat für
Sandverwehungen gesorgt, die bis in die Oasen reichen. Auch die, gleich unseren
Schneezäunen, auf die Kämme der Dünen gesteckten Palmwedel haben die feinkörnige
Flut nicht aufhalten können. Auf der Piste in Richtung Matmata muss ich immer
wieder absteigen und das Rad durch staubfeinen Treibsand schieben, um danach
wieder über knochenhartes Waschbrett zu holpern oder Slalom durch Geröll zu
fahren. Ein kräftezehrendes Unternehmen, das auch durch entgegenkommende,
lustig hupende und winkende Jeep-Safaris nicht erleichtert wird. Immerhin bin
ich nicht ganz allein in der Wüste, was sich dann ändert, als ich nach circa 60
Km auf der sich immer wieder verzweigenden Piste etwas zu weit in Richtung Süden
gerate. Anhand des Schattens, den ich werfe, wird mir klar, das etwas nicht stimmt und ich ziehe den Kompass zu
Rate. Jene letzte spitzwinklige Verzweigung war also die, in der Karte fast
rechtwinklig eingezeichnete, Kreuzung. Da ich nur in äußerster Not bereit bin
umzukehren beschließe ich die neue Route bis Medenine auszudehnen. Eine
genauere Karte wäre jetzt von Nutzen gewesen, den so lüge ich mir selbst etwas
vor, als ich, bei schon tief stehender Sonne, den Weg bis zur nächsten
eingezeichneten Wasserstelle mit 10 bis 12 Km. veranschlage. Dabei hoffte ich,
dass diese nicht aussieht wie die Vorherige. In einem schön gemauerten Brunnen
sah man in 15 bis 20 Meter Tiefe das
sich in glatter Wasserfläche spiegelnde Himmelsblau, doch weit und breit
gab es weder Seil noch Eimer. Kein Problem, denn ich hatte noch genügend
Reserven. Jetzt allerdings ist die Lage schon um vier Liter spannender. Bald
verschwindet die Hoffnung, das Zelt noch bei Tageslicht am Brunnen aufschlagen
zu können. Ein sehr unromantischer Sonnenuntergang bietet sich mir dar. Die
Aussicht hinter jeder Bodenwelle den Brunnen zu sehen treibt mich weiter. Der
Gedanke an die verbliebene Menge Wassers und die letzte Handvoll Datteln lässt
mich Hunger und Durst unterdrücken. Mit wundem Rachen und geschwollener Zunge,
kaum noch die Struktur des Schotters wahrnehmend geht es voran. Dann Motorengeräusch
von hinten. Das erste Fahrzeug seit meiner Fehlnavigation und das erste das
heute in meine Richtung fährt, ist ein Jeep der neben mir stoppt. Fragen, wie
es mir gehe, woher, wohin und als man mich aufklärt, dass das Ziel, das ich
jede Minute zu erreichen dachte, noch
über 10Km entfernt ist, wird nicht mehr lange gefragt und
die Männer von der Garde Nationale greifen zu, binden das Rad an den Jeep und
in einem, dem Radler höllisch erscheinenden Tempo, geht es über die nächtliche
Piste. "Bir Soltane" heißt der Brunnen, bei dem es, welch Wunder, ein
Wüstencafe gibt, neben dem ich mein Zelt aufschlagen kann. Nichts als mein
Dank wird für die Mitfahrt erwartet und
der Jeep brummt weiter in die Nacht hinein. Die drei Männer vom Cafe bewirten
mich mit Sandwich, Tee und vor allem, köstlichem, kühlem Wasser in jeder Menge.
Unter dem riesigen Sternenzelt der Sahara gibt es Gelegenheit zu Gesprächen und
zum Nachdenken über die Geringfügigkeit des Individuums im Universum.
Noch vor Sonnenaufgang werde ich wach. Zu Cafe und Zelt
haben sich in der Nacht noch einige Dromedare gesellt. Sie kommen zum Trinken
an den Brunnen und bleiben über Nacht in der Nähe der Menschen, da es in der Wüste
doch einiges Raubzeug gibt, erklärt mir Ajaola beim Frühstück, backt über dem
kleinen Feuer aus Buschholz einfache, wohlschmeckende Fladenbrote und gibt mir
noch gute Ratschläge in Bezug auf die Straßen. Ich entschließe mich nun doch
nach Matmata zu fahren, denn die Piste dorthin sei eindeutig und öfter
befahren, während die nach Medenine häufig verzweige und mitunter nur alle zwei
Tage dort ein Fahrzeug führe. Bezahlung für Speisen und Getränke? Aber nicht
doch! Nicht alle Tage trifft man einen Verrückten, der mit dem Fahrrad durch
die Wüste fährt, ich war ihr Gast.
Wieder auf der Piste sehe ich im weichen Sand faustgroße
Katzenpfotenspuren, die meinen Weg ein Stück begleiten, um dann in die Weite
der Wüste abzubiegen. Nicht alles was erzählt wird, sind nur so Geschichten.
Die von den Geparden erscheint mir nun doch als sehr real. Trotz meines frühen
Aufbruchs wird die Hitze bald unerträglich. Auch die geringe Nahrungsaufnahme
des letzten Tages macht sich bemerkbar und ich lasse mich im ersten Schatten
seit zwei Tagen nieder, ein Ölbaum auf gepflügtem Acker. Gut zwei Stunden raste
ich, esse das Brot, das mir Ajaola mitgab, die letzten Datteln und benetze
meinen Gaumen nach Herzenslust mit Wasser. Baum und Acker sind erste Spuren von
Zivilisation und nach Matmata ist es nicht mehr weit. Nur noch zehn Km. Piste
und dann lang ersehnter Asphalt. Selbst das überwiegende Bergauf schreckt da
nicht, nicht wie in Matmata der Tourismus. Fast alle Hotels sind belegt und
fast wäre ich schon auf dem Weg nach Gabes gewesen, wollte ich mir nicht ein
intensiveres Erleben der Höhlenstadt entgehen lassen. In den weichen Lehmboden
sind bis zu zehn Meter tiefe Hoftrichter gegraben von denen waagerecht etliche
Wohnhöhlen in den Berg getrieben wurden. Diese Bauweise schafft eine natürliche
Klimatisierung. Auch ich kann in einem einfachen Höhlenhotel die Vorzüge dieser
Architektur genießen. Dort wo Touristen in Massen auftreten wachsen auch
Unsitten wie Geschwüre. Kinder betteln dreist um Beträge, für die ich mir
gerade mein Mittagessen nebst reichlich Flüssigkeit erstanden habe. Väter
schicken ihre Töchter zu Touristen, um Fotos mit ihnen machen zu lassen,
fordern hektisch auf, doch ihre Wohnungen zu besichtigen, prostituieren sich
und ihre Kinder. Bus für Bus läuft der Strom der Touristen. Erschreckend nach
den Tagen in der Wüste, eine belebte Totenstadt.
Ich sehne mich nach etwas Natürlichkeit, nach Leben und am
nächsten Morgen rolle ich nach Gabes. Keine zwei Stunden dauert es. Ich erkunde
den Strand, die Oase, den Hafen und suche mir in aller Ruhe ein Hotel. Ohne den
Fotoapparat, das Signum des Touristen, gehe ich dann durch die Suks, sitze lang
im Cafe und finde durch die Oase wandernd den Hafen wieder. Ich werde Zeuge,
wie ein reparierter, restaurierter Trawler seinem Element wiedergegeben wird,
bewundere Ali, der, gerade fünfzehn, all den Punkten, die durch die Stützbalken
verdeckt waren, noch ihre Farbe gibt, während der Kran schon am Rollen ist. Ich
drücke mit das Schiff von der Mauer fort, bis die Fender das Werk des neuen
Anstrichs schützen. Am Abend dann gerate ich in eine Hochzeitsgesellschaft. Ob
der Stapellauf heute ist, weiß ich nicht, denn so eine traditionelle,
tunesische Hochzeit dauert fünf Tage. In der ersten und zweiten Reihe sitzen
die Jungfrauen von Gabes, dahinter, in größer werdendem Rund der weiteren
Reihen, die, die es einmal waren. Ein großer Ventilator nebst seinem wichtigen
Bediener sorgen für ununterbrochenen Schall aus dem Keybordverstärker. Dann drängen
sich die Massen, Frauen stoßen Freudentriller aus, das Brautpaar erscheint, glücklich
lächelnd, ausgeliefert dem Ritual. Ich habe mich, unberechtigterweise, bei den
Jungmännern eingereiht und verdrücke mich, bevor der Schwindel auffliegt.
Die nächsten Tage lerne ich eine andere Musik kennen. Das
Lied des Windes, der mir entgegen bläst, stärker als bisher erlebt. Er füllt
meine Ohren mit ständigem Brausen, lässt mich von hinten nahende LKW's erst hören,
wenn sie neben mir sind und treibt mir den Staub ins Gesicht. Abends bin ich in
Sfax, der zweitgrößten Stadt Tunesiens. Am anderen Tag wächst sich der Wind zum
Sturm aus. Noch langsamer komme ich voran und es gibt kein Ausweichen, kein
Ende. Der
über die Straße getriebene Sand schmerzt auf der Haut und
bildet mit dem Schweiß eine Kruste. In El Djem, am zweitgrößten Amphitheater
der römischen Welt, angekommen, weht der Sturm reihenweise die Sonnenschirme
vor den Cafes um. Das, die kleine Stadt dominierende, Bauwerk wirkt noch
gewaltiger als das Kolosseum in Rom. Bei einem Glas Orangensaft beschließe ich,
dem Wind ausweichend, nicht wie geplant nach Kairuan zu fahren, sondern mich in
Richtung Monastir zu bewegen. Dort wo ich über landwirtschaftliche Pisten rolle
stört mich der Sturm weniger als auf der Hauptstraße und auch ein Schlenker in
einer Bö dürfte hier nicht unter knochenzermalmenden Lkw-Reifen enden. Nur das
unendliche Sandstrahlgebläse hemmt auch hier mein Vorankommen. Fast Zwanzig Km
vor Monastir, in Moknine wird es Zeit ein Hotel zu finden. Den Weisungen von
Taxifahrern und einem häufig auftauchenden Schild folgend finde ich schließlich
eines in der Vorstadt Ksar Hellal. Müdigkeit, Staub und Dreck lassen mich über
alles hier Gebotene hinwegsehen. Für's
Abendessen muss die Garküche auf der anderen Straßenseite reichen. Dafür
ist dann diese Übernachtung fast so preiswert wie die in Bir Soltane oder
Gafsa, wo ich eingeladen war.
Am anderen Tag hat der Sturm abgeflaut, ich komme gut
voran und bin noch vor 15.00 in Hammamet, wo ich mir vor der Rückfahrt noch
Strand und faulenzen leiste. Strand, Kneipen, Restaurants, das Billigreisenhotel
und all das Übliche lassen mich nicht trauern, als ich nach zwei Tagen über
Nabeul nach Tunis fahre. Am Hotel werden ich, mein Trinkgeld, oder beide, schon
erwartet. Der Porter strahlt, versorgt mein Fahrrad und übergibt mir das deponierte
Gepäck. Am Abend sitze ich wieder in meiner Seeräuberkneipe ums Eck bei Fisch
und Wein.
Die morgendliche Fahrt über den Autobahndamm und das
Einchecken an Bord verlaufen problemlos. Als nach langer Wartezeit endlich das
Schiff ablegt ändere ich meine, ursprünglich gebuchte, Deckspassage in eine
erster Klasse. Eine Zweierkabine mit Dusche und WC ist doch angenehmer, als
morgens in Exkrementen stehend auf's Zähneputzen zu verzichten.
In Genua angekommen degradieren italienische Zollmachos
und Imigationsbeamte die Schiffsreisenden zu Herdenvieh. Gedränge vor dem engen
Durchgang zur Kontrolle und dann lässt das System der getrennten Abfertigung
von Personen und Fahrzeugen kein zügiges Entladen der Fähre zu, außer man ist
mit dem Fahrrad.
Wieder in Europa geht es wie im Fluge auf vertrauten Straßen
in die Heimat. Dieses mal sind die schützenden vier Wände erreicht, noch bevor
der große Regen einsetzt.